Raeda ruft mich an: "Ich hol dich in fünfzehn Minuten ab, niemand darf mitgehen, ich hab gesagt, du bist ein alter Freund von mir, ein Dichter aus Berlin, also nimm nicht mal einen Schreibblock mit, du musst dir alles merken. Deine persönliche Kamera darfst du dabei haben. Ein Foto darfst du machen." Der Dichter Norman Ohler Hand in Hand mit Arafat

Doch welches Bild habe ich von diesem Palästinenserpräsidenten behalten, den ich vor vier Wochen zu einem Mittagessen in seinem teilzerstörten Amtssitz, der Mukata, traf?

Arafat hat an jenem Spätseptembermittag, an dem ich mit ihm zusammensaß, in gewisser Weise ein jämmerliches Bild abgegeben, und das tat mir leid. Während draußen auf den Straßen von Ramallah das normale (wenn auch der Besatzung unterliegende) Leben in all seiner Buntheit sich manifestierte, herrschte im Gebäude des Führers der "Autoritätsbehörde" eine grünlich-graue Eintönigkeit, die mich zunächst an DDR erinnerte und dann vielleicht an ein Beckett-Stück (weswegen ich sie in positiver Erinnerung behalte; die Einrichtung war weniger depressiv als kurios-billig, und ich war mir nicht sicher, ob es nicht doch noch Hoffnung gab in diesem Stück).

Raeda, eine enge Vertraute von ihm und gute Freundin von mir, hatte Arafat an jenem Tage einige bunte Zeichnungen seiner neunjährigen Tochter mitgebracht, die im Exil in Tunis lebt. Arafat schaute sich die Zeichnungen lange mit seinen riesigen Augen an (seine Hand zitterte nicht), und sie rührten ihn wohl auch – und dann sagte er zu Raeda, sie solle die Zeichnungen wieder mitnehmen, denn er wolle nichts Privates in seinem Amtssitz haben. Und nachdem das Mittagessen abgeräumt worden war, war der Tisch sofort wieder Schreibtisch, und gleich auch wurden irgendwelche Papiere hereingereicht, die er unterzeichnete. Vor seiner Schreibfläche standen Präsente. Vor allem ein in Cellophan eingepackter Schokoladennikolaus blieb mir im Gedächtnis.

Ich betrachtete dann, während er einige Worte mit den ebenfalls am Tisch sitzenden alten Kampfgefährten wechselte (Schnauzbartträger um die Mitte 50 mit dunkelgrünen Militärpullovern), seine Kluft ein wenig genauer. Sie war mit allerlei Orden und Abzeichen geschmückt und erinnerte mich an die eines Wanderers, der nun wirklich schon überall gewesen ist. Selbst eine jüdische Manora, ein siebenarmiger Kerzenleuchter, war da angesteckt, die hatte er von Rabin.

Ich wollte ihn allerlei private Dinge fragen: ob er nicht verrückt würde hier in der Mukata, ob er nicht depressiv manchmal sei und alles hinschmeißen möchte, wieso er nicht mit der Tochter in Tunis in Frieden lebe oder auf irgendeiner Hanfranch im Libanon – aber Flapsigkeit war irgendwie nicht angebracht. Arafat verkörperte den Ernst der Lage geradezu vollkommen.

Zeitweise kam mir der Palästinenserpräsident wie ein Außerirdischer vor, vollkommen unecht, wie auf starken Drogen, was in seinem Falle wohl Schmerz- und Aufputschmittel waren – dann wiederum schien er, wenn er mich mit seinem durchgeknallten, gleichzeitig vollkommen klar wirkenden Blick ansah, wie eine nicht einzuordnende Persönlichkeit und als eine gebrochene, gescheiterte. Es war mir während der gesamten Stunde nicht klar, ob ich neben einem Genie, einem wahren Freiheitskämpfer saß (der deshalb kaum noch beschrieben, geschweige denn eingeschätzt werden kann) oder neben einer zu bemitleidenden, im Grunde lächerlichen, fast peinlichen Gestalt.

Arafat hat jedenfalls ein irreführendes Bild des Palästinensers abgegeben. Er sah aus wie niemand sonst auf der Welt und geradezu unpalästinensisch. Man sieht in ganz Ramallah niemanden, der ihm auch nur irgendwie ähnelt. Die Palästinenser sind viel normaler, viel erdiger als Arafat, der sich zwar als Mann dieses Volkes ausgab, gleichsam aber so abgehoben war, dass seine letzten Jahre in der kafkaesken Mukata dieser Abgehoben- und Entferntheit adäquat Rechnung trugen.