Dem Gott der Stadtindianer hat die letzte Stunde geschlagen. Denn Jassir Arafat, der zum Sterben nach Paris geflogen ist, war nicht nur Hoffnung und Fluch der Palästinenser, er war auch Hoffnung und Fluch der linken Jugend Westeuropas, die sich als Untergrundkämpfer in ihrer eigenen Heimat fühlte oder doch fühlen wollte. Arafats Karriere als linksradikales Idol begann in Deutschland und Frankreich mit der Studentenbewegung, endete aber hierzulande nicht mit ihr, sondern setzte sich fort im Milieu der Hausbesetzer und Autonomen der achtziger Jahre, deren Stammesmerkmal (ein frei gewähltes Stigma) das sonst längst aus der Mode geratene PLO-Tuch war.

Sie bezeichneten sich selbst als Stadtindianer, womit sie eingestanden, dass sie den Anspruch der linken Avantgarde aufgegeben hatten und nur mehr verlangten, als verfolgte Minderheit anerkannt zu werden. Das Pathos der Weinerlichkeit hatte das Pathos des Kampfes ersetzt; was freilich nicht ausschloss, bei Gelegenheit von Antiatomkraftdemos den einen oder anderen Polizisten mit der Zwille schwer zu verletzen. Aber der Traum von der Weltrevolution war dem Wunsch nach einem staatsfreien Lebensraum gewichen, recht eigentlich nach einem Reservat, das in den besetzten Häusern der Hamburger Hafenstraße oder Berlin-Kreuzbergs geschaffen werden sollte. Die Linke hatte sich ethnisiert und trug damit in gewisser Hinsicht zum ersten Mal das Palästinensertuch mit Recht.

Denn natürlich war die Solidarität mit der PLO, die das Tuch bezeugen sollte, schon 1969 ein Romantizismus, als Joschka Fischer für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an dem berühmten Kongress in Algier teilnahm, wo Arafat gegen das "rassistische, expansionistische und kolonialistische System des Zionismus" hetzte. Arafat meinte Israel und nichts weiter, aber die angereiste Linke aus Europa dachte an den Kampf gegen Unterdrückung überall in der Welt. Die PLO war ihr nur Mosaikstein des globalen Befreiungskampfes, sie glaubte an den Vorschein der Weltrevolution, während Arafat niemals etwas anderes als das partikulare und nationale Interesse seines eigenen kleinen Volkes vor Augen hatte und den Enthusiasmus der Westintellektuellen demagogisch auszunützen trachtete.

Nach diesem Muster funktionierte der westdeutsche Revolutionstourismus der Jahre, ob er nun nach Kuba oder Nicaragua führte. Überall bestand das Missverständnis darin, einen partikularen Kampf als universale Handlung zu sehen und daher selbst noch den grundbösen und regionalegoistischen Eta-Terror als proletarische Erhebung zu feiern. Die dogmatische Weigerung, in Konflikten etwas anderes als Klassenkämpfe zu sehen, machte die Linke blind für das Fortleben nationalistischer, rassistischer oder ethnischer Motive. Daher die merkwürdige Unschuld, mit der das PLO-Tuch getragen wurde, ohne im Entferntesten den Vorwurf eines antisemitischen oder auch nur antiisraelischen Bekenntnisses zu fürchten.

Die traurige Wahrheit war: Niemand dachte damals an Israel und seine Existenzsorgen. Alle dachten vielmehr (oder setzten dumpf voraus), dass die PLO ihren heldenhaften Kampf direkt gegen die USA und ihren Imperialismus führte. Wenn überhaupt von "Antizionismus" gesprochen wurde (und manche taten das in rührender Übereinstimmung mit der sowjetischen Propaganda), dann war damit soviel wie Antikapitalismus oder Antiimperialismus gemeint, und nur wenige spitzfindige Trotzkisten konnten überhaupt erklären, was am Zionismus eigentlich abzulehnen sei. Es war eine im Grunde längst vergessene Theorie, nach der die Juden den Klassenkampf verrieten, indem sie sich auf die Schaffung eines Nationalstaates verlegten. Das wurde dem Zionismus vorgeworfen; und im Grunde hätte es auch jenen westdeutschen Linken vorgeworfen werden können, die dem umgekehrten Irrtum erlagen: als sie jede nationale Bewegung schon für Klassenkampf hielten.

Das modische Stichwort, unter dem sich dieses Missverständnis verbergen konnte, war natürlich der berühmte "Antikolonialismus"; alles kämpferische Aufbegehren in der Welt war Antikolonialismus, und als Zeichen dafür wurde das PLO-Tuch getragen, selbst von Frauen, die gegen das Patriarchat kämpften. Erst als die Linke zu resignieren begann und sich nichts sehnlicher wünschte, als eine Kolonie zur Pflege ihrer Lebensform zu erobern, begann das Tuch seine ursprüngliche Bedeutung zurückzugewinnen: als vormodernes Identitätszeichen eines gesellschaftlichen Milieus, das nichts mehr als seinen Frieden will. Weiter allerdings ließ sich die solidarische Parallele zum palästinensischen Volk nicht treiben; und so erlosch das Volk der Stadtindianer, Jahre vor ihrem Idol.