Wer Leistung und Wettbewerb im Hochschulsystem fordert, kann heutzutage mit breiter Zustimmung rechnen. So sollen künftig Abiturienten um einen Studienplatz an den besten Hochschulen konkurrieren. Den einzelnen Universitäten werden bereits jetzt ihre Mittel nach Qualität zugewiesen. Auch Professoren sollen demnächst mehr nach ihren Leistungen bezahlt werden. Im Januar dieses Jahres hat die Bundesregierung mit ihrer Erklärung, Spitzenuniversitäten gezielt fördern zu wollen, einen neuen Akzent gesetzt. Sogleich konterten die Länder mit ihrem "Netzwerk der Exzellenz". Die darauf einsetzende intensive Diskussion macht deutlich: Hier ist ein Nerv im deutschen Selbstverständnis getroffen.

Unser öffentlich finanziertes Wissenschaftssystem hat offiziell keine Eliteeinrichtungen, seine Institutionen sind zwar unterschiedlich, aber ebenwertig. Der Aufbruch von der Gleichheit zum Wettbewerb der Hochschulen bedeutet einen fundamentalen Paradigmenwechsel. Um diesen einzuleiten, hatten sich die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern im Sommer auf eine "Exzellenzinitiative" geeinigt. Doch diese hängt seitdem in der Warteschleife. Ihre Realisierungschancen glichen im Lauf der letzten Monate einem sehr wechselhaften Börsenkurs. Am 15. November steht das Thema erneut auf der Tagesordnung der Bund-Länder-Kommission – doch ob es tatsächlich verhandelt oder erneut vertagt wird, ist offen. Dabei ist es höchste Zeit, dass die gegenseitige Blockade von Bund und Ländern aufhört. Wer die deutsche Wissenschaft stärken und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern will, der sollte die Exzellenzinitiative umsetzen.

Die Spitzen im Universitäts- und Wissenschaftsbereich müssen sichtbarer werden. Bislang waren es die Individuen, die im Wissenschaftssystem miteinander konkurrierten. Das Prinzip Leistung, Auslese, Wettbewerb bestimmt die akademische Ausbildung und setzt sich nach der Promotion in Berufungsverfahren fort. Der internationale Wettbewerb um Ideen und Theorien ist die wesentliche Triebfeder des wissenschaftlichen Fortschritts. Er entspricht dem sportlichen Wettkampf, wonach der Bessere gewinnt und Erfolge durch öffentliche Anerkennung belohnt werden.

Jede Hochschule sollte über ihr Profil entscheiden dürfen

Was für den Einzelnen beziehungsweise für Teams gilt, das muss auch für Institutionen gelten. Nicht alle Menschen und Mannschaften sind gleichermaßen gut und leistungsbereit. Es ist nicht gerecht, den Fähigeren, die Außergewöhnliches leisten, die Anerkennung zu versagen – und das trifft auch auf Institutionen zu. Doch unter Berufung auf die Chancengleichheit in der Ausbildung beharrte man in Deutschland auf der Egalität der Ausbildungseinrichtungen. Das Mantra lautete: Ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss ist ein Studienabschluss, sei er in Heidelberg oder in Hildesheim erworben. Dies, obwohl Arbeitgeber längst die unterschiedliche Wertigkeit von Abschlüssen kennen. Auch Wissenschaftlern und Studierenden sind Unterschiede zwischen den Hochschulen bekannt. Sie kursieren nur unter der Hand und stützen sich nicht auf handfeste Daten. Dabei ist es ein Widerspruch, dass Hochschulen sich nicht untereinander messen müssen, obwohl es zu ihren Kernfunktionen gehört, die Qualität und Qualifikation ihrer Absolventen zu zertifizieren.

Es gilt nun, Realitäten anzuerkennen und die Unterschiede künftig positiv zu nutzen. Denn: Öffentliche Anerkennung von Leistung sorgt dafür, dass die Besten als Vorbild dienen und so das allgemeine Leistungsniveau anheben. Die Konzentration von Qualität wirkt selbstverstärkend. So werden Ressourcen effizienter eingesetzt. Die Unterschiede können zur Entwicklung von speziellen Profilen führen.

Jede Hochschule sollte über ihr Profil entscheiden dürfen. Durch Konzentration auf Stärken und Kernkompetenzen wird die Erkennbarkeit der Einrichtung deutlich gesteigert. Das Ergebnis wäre ein differenziertes Hochschulsystem, das mit seinen unterschiedlichen Bildungsangeboten, Forschungs- und Dienstleistungen flexibel auf Veränderungen in Wissenschaft und Gesellschaft reagieren könnte.