Wenn sich die deutsch-deutschen Gemüter reiben und Hitze im Land entsteht, schlagen in Berlin schon die Flammen hoch. Es herrsche "Kulturkampf" in der Stadt, schrieb die Süddeutsche Zeitung pünktlich zum 15. Jahrestag des Mauerfalls, und das ist vermutlich nicht einmal übertrieben, weil die Kultur in Berlin mehr denn je ein symbolisches Schlachtfeld ist, auf dem anderes, Größeres ausgefochten wird. Wer in Berlin Kultur macht, lebt mit Narben und schwer heilenden Brandwunden. Ostsymbol? Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl vor der Volksbühne

In diesen Wochen verhandelt Berlin das Langweiligste an der Kunst, und zwar die Besetzung von Intendanzen. Es sind jene des Deutschen Theaters, des Gorki-Theaters und der neuen Opernstiftung – wichtige Personalien zweifellos, und am Gelingen der Opernstiftung hängt das Schicksal gleich von drei Musiktheatern, ja der Berliner Kulturpolitik insgesamt. Aber unter normalen Umständen wären Auseinandersetzungen um Chefsessel kaum Anlass, Grundsätzliches zu mobilisieren. Nun ist es anders gekommen. Die Umstände des Streits machen ein tief liegendes Missverstehen zwischen östlichen und westlichen Künstlern, Kulturpolitikern, Kritikern sichtbar, eine Entfremdung jenseits der Frage, wer welcher Einrichtung vorsteht.

Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) will die erwähnten Positionen schnell besetzen, und er will sie mit Männern besetzen, die über eine DDR-Biografie verfügen. Flierl ist dabei nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel. Er handelt ebenso taktisch wie egozentrisch. Das Ganze schwebt am Rand eines Skandals, aber nicht die Kandidaten sind anstößig, sondern die Art, wie sie in der Stadt durchgesetzt werden sollen. Der Schriftsteller Christoph Hein soll von 2006 an das Deutsche Theater leiten, der Regisseur Armin Petras ist fürs Gorki-Theater vorgesehen, Generalintendant der Opernstiftung soll der Basler Intendant Michael Schindhelm werden, eine Überraschungslösung nach langer Hängepartie.

Doch wird nicht mehr gefragt, ob die drei für ihre Ämter taugen. Vielmehr ist ihre ostdeutsche Identität ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Und damit sind in der Kulturstadt mancherlei Marginalisierungsängste und Ressentiments aufgeweckt worden. Eitelkeiten werden gekränkt, Fraktionen drängen auf Versorgung. Erregte Westler warnen davor, das abgewrackte Kulturestablishment der DDR kehre auf seine alten Spielwiesen zurück. Erregte Ostler bitten nachdrücklich darum, der Westen möge in der Kultur endlich seine Politik der ethnischen Säuberung aufgeben, auch eine Unterstellung, die wiederum die Westler in ihrer Haltung bestärkt. Was den Argwohn der Ostler bestätigt und so fort. Über die Künste lagert sich ein Ordnungsraster, das lange als überwunden galt, das aber plötzlich jeder wieder plausibel findet: Es ist die (selbst)quälerisch beschworene Unvertrautheit zwischen Ost und West. Das nie ausgesprochene Empfinden bricht hervor, es solle gar nicht zusammenwachsen, was auch nicht zusammengehört, weil den Kern der Einheit ein – je nach Sicht – kolonialistischer oder parasitärer Akt bilde.

Das ist der Hintergrund des kulturpolitischen Zanks: Er ist das Symptom einer Ost-West-Beziehungslosigkeit, die ein Schrecknis bleibt, verdrängt wird und durch Kultur gleichwohl vertieft. Hinzu kommt: Deutsches Theater und Gorki-Theater waren alte DDR-Vorzeigebühnen. Sie glänzen heute schwach im Retro-Charme, werden recht anständig von zwei Westlern geleitet, entsprechen aber weder den Vorstellungen von schicker Hauptstadtkultur noch der Idee bildungsbürgerlicher Nationalkunst. Thomas Flierl signalisierte beiden Intendanten, dass er sie loswerden wolle. Er träumt vom großen klassischen Theater als erziehende Anstalt, das mag ein ostdeutscher Traum sein, aber das westdeutsche Regietheater steht auch nicht in höchster Blüte.

Eine Presseaffäre verschärft noch die gegenseitigen Verdächtigungen

Mit der Opernstiftung verhält es sich etwas anders. An sie ist Flierls politische Zukunft geknüpft, mit ihr konnte er das dritte Opernhaus für Berlin retten. Ihr Chefsessel ist der mächtigste Posten, den die Stadt derzeit in der Kultur zu vergeben hat. Lange haben Berlin und Bund an dieser Institution gebastelt. Viele unken, sie werde den Stürmen der Berliner Haushaltsmiseren nur kurz standhalten. Es ist ein Versuch, überparteilich gewollt, aber Flierls Kind. Auch die Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, ist im Kanzleramt sehr daran interessiert, dass diese Konstruktion trägt.

Flierls Behörde hatte mit Bernd Fülle, dem Geschäftsführer der Frankfurter Bühnen, einen Vertrag als Generaldirektor ausgehandelt. Im letzten Moment sagte der Senator Fülle jedoch wieder ab und präsentierte seinen eigenen Kandidaten: Schindhelm. Ahnend, sein Mann habe im Gefolge der anderen, in der Stadt kontrovers diskutierten Personalien kaum eine Chance, bestellte Flierl die bürgerliche Presse zum Königsmacher. Nur eine Westberliner Zeitung konnte den dritten Kandidaten aus dem Osten mit Legitimität versehen. Peter von Becker, der Feuilletonchef des Tagesspiegels, traf sich Ende Oktober zum Hintergrundgespräch mit Fülle und schrieb auf Flierls Bitten seine Eindrücke auf. Sie waren vernichtend für Bernd Fülle. Gleichzeitig trommelte Beckers Blatt für Schindhelm. Fülle war gemeuchelt.