Umarmungen. Schulterklopfen. Und immer wieder Küsse, hingehaucht oder mächtig wangenknallend: Christian Thielemann, der neue Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker, kann sich an den ersten beiden Musizierwochenenden seiner Amtszeit gar nicht mehr retten vor Kameraderie, Aufmunterung, ja Liebe. Schon gibt es Menschen in München, die in einem Akt höherer Sinnstiftung ihr Leben von Thielemann-Konzert zu Thielemann-Konzert einteilen, wie es einst Thomas Mann tat, nachdem Hans Pfitzners Palestrina 1917 zum ersten Mal in der Münchner Oper gegeben wurde - Es ist mir ein wahrer Schmerz, daß man nun sechs Wochen bis zum nächsten Mal warten muß, schreibt er einmal an den Uraufführungsdirigenten Bruno Walter.

Der nun so machtvoll von der Weltstadt ans Herz gezogene Thielemann feiert mit, wobei Bescheidenheit seine Zier ist. Zwar wuchtet er anfänglich noch sein Gardemaß derart standesgemäß aufs Dirigentenpodest, dass die Konstruktion ernsthaft in Gefahr scheint. Dann aber tritt er schnell in die Reihen seiner um ihn herum gruppierten ersten und zweiten Geigen zurück, um von dort aus Parole zum Verbeugen zu geben: Der Star ist die Mannschaft, die Musik. Einmal verlässt der Kapellmeister diesen inneren Bezirk, steigt hoch zur zehnten Reihe und reicht Hans Werner Henze die Hand. Gemeinsam betreten sie die Bühne, links der fast achtzigjährige Komponist, rechts der Dirigent im Sohnesalter. Der kleine Westfale mit der Glatze und der große Preuße mit dem zackigen Scheitel. Der Wahl-Römer und der Berliner. Der Herzenskommunist und die nationalkonservative Seele.

Henze hat Thielemann verziehen, dass er ihn im letzten Jahr als Uraufführungsdirigent seiner letzten Oper im Stich ließ. Jetzt aber ist er wieder da und revanchiert sich mit Henzes ebenfalls letzter Zehnter Sinfonie, die ursprünglich von Simon Rattle in Auftrag gegeben worden war - kurz darauf wurde der Brite Chef der Berliner Philharmoniker. Thielemann ist lange Zeit nicht ganz eins mit dem Stück, das er handwerklich bestens leitet, geradezu zwanghaft penibel in der Zeichensetzung. Den Sturm des ersten Satzes nimmt er buchstäblich, und so bläst der dann mit aller philharmonischen Wucht jedem ins Gesicht. Henzes Reflexionsniveau garantiert jedoch, dass die Freiluftattacke nicht nur selbstgenügsam orchestralen Flurschaden anrichtet, sondern darüber hinaus die interessantere Geschichte einer inneren Verwüstung erzählt. Diesen doppelten Boden hingegen betritt Thielemann nur sehr zögerlich, als sei ihm das Parkett in Henzes Seelenhaushalt zu glatt. Wo aber der finale Traum beginnt, ist der Dirigent mitfühlend zur Stelle, und man meint es fast pfitznern zu hören, wenn die Oboe d'Amore sich in einer Mischung aus Musik, Pessimismus und Humor über dieses dunkle Moderato erhebt.

Da treffen sich Sphären, die in keiner anderen deutschen Stadt mehr so auf einen Nenner zu bringen wären. Wenn der Haptiker Thielemann später seine Orchestermusiker hochschnellen lässt, um Salut für Henze zu geben, fühlt es sich ringsherum an, als ob die Hosen kürzer würden. Ein Hauch von Emil und die Detektive macht sich breit. Alle sind bereit zu großen Taten. Und wenn sich Henze daraufhin mit weichem Hand-zum-Herzen-Gruß gerührt bedankt, dann ist es für einen Moment so, als habe es den Verlust der Mitte tatsächlich nie gegeben, jedenfalls nicht in München.

Dabei muss man in der Stadt selbst nur bis zur Arnulfstraße und zum Bayerischen Rundfunk gehen, um mitzubekommen, wo hier der Rauch aufsteigt - weiß ist er nicht. Vor Thielemanns Henze-Abend (kombiniert mit Brahms' Erstem Klavierkonzert, das Thielemann mit dem Solisten Rudolf Buchbinder erfreulich unprätentiös musiziert) findet im Funkhaus der erste von zwei Kinder- und Familientagen statt, Klassik zum Staunen!. Überraschend ist es, wie sich die Musiker zusammenreißen, um während einer ästhetisch einwandfreien Junioren-Zauberflöte nur ja nicht merken zu lassen, dass die Musik bereits aus einem toten Trakt im Hause kommt. Das Rundfunkorchester wird über die nächsten Jahre hinweg aufgelöst, wofür die Intendanz Gründe anführen kann - gut sind sie nicht. Der BR muss sparen, wie alle, aber bevor es mal einem Tatort oder einer Politiker-ergebenen Münchner Runde an den Kragen geht, soll halt lieber ein Orchester dran glauben, das fällt nicht so auf.

Die Stadt München aber hat nicht gespart, denn Christian Thielemann ist als repräsentativer Nachfolger von James Levine, der auch nicht billig war, richtig teuer gewesen. Zudem darf er jederzeit von einer Ausstiegsklausel Gebrauch machen: Kürzt ihm die Stadt nur eine der 120 Planstellen im Orchester, ist der Teufel los und Thielemann, dem nicht nur die Kulturreferentin Lydia Hartl wie einem Gott huldigt, weg. Das wiederum steht nicht so schnell zu erwarten, denn Thielemann bringt, anders als Levine, auch wieder Geld ins Haus. Bruckners Fünfte Sinfonie, mit der Thielemann debütiert, kommt demnächst als Mitschnitt bei der Deutschen Grammophon heraus, die noch keinen Bruckner von Thielemann hat. Dafür hat sie von ihm schon viel Strauss und Beethoven, und davon kann (und wird) sie noch mehr bekommen: Strauss und Beethoven sind die Säulenheiligen der ersten Thielemannschen Konzertsaison. Die hat zwar noch nicht der neue Orchesterintendant Wouter Hoekstra geplant, aber viel überraschender werden die kommenden Spielzeiten wohl auch nicht ausfallen. Thielemann dirigiert, als wüsst keiner mehr, was gut und echt. Er ehrt seine deutschen Meister. Das schließt Feature-Veranstaltungen wie eine Uraufführung des Münchner Komponisten Jörg Widmann nicht aus: Widmann weiß, was Münchner wünschen. Es darf schon prickeln. Aber nicht zu sehr.

Während die Stadt nach dem Thielemannschen Eröffnungskonzert in der vorvergangenen Woche dem gemeinen Volk im Bistrobereich des Gasteigs ein paar trockene Brotscheiben hinbrockt und gratis ein Glas Sekt daneben stellt, fließt nebenan auf der Prominenten-Feier Veuve Clicquot. Mag die musikalische Welt keine drei Kilometer Luftlinie von hier gerade zu Grunde gehen, hier gilt's dem Dunst: München feuchtet sich die Kehle golden. Es geht so vornehm zu, dass keiner groß Anstoß daran nimmt, wie der bekannte Klassikliebhaber Max Strauß sich in der Manier seines Vaters en passant den Herrn Kapellmeister zur Brust nimmt, um mit ihm ein paar Takte zu reden.