Unter dem Lockruf »Eliteuniversität« wird zurzeit de facto die Provinzialisierung der deutschen Universität perfektioniert. Die Wahrheit sieht so aus: Wenn ein Professor wegen seiner herausragenden Leistungen einen Ruf an eine ausländische Universität erhält, gibt es aufgrund des neuen, starren Besoldungsgesetzes praktisch keine Möglichkeit mehr, ihn an der deutschen Universität zu halten. Man sagt »Bachelor« und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education. Modulisierung löst die in Jahrzehnten gewachsenen Fachstandards und Diskursfelder auf. Die chronisch unterbesetzten Sozial- und Geisteswissenschaften können am Ende ihre eigenen fachwissenschaftlichen Abschlüsse nicht mehr anbieten. Der letzte Vertreter seines Faches knipst das Licht aus.

Damit alles dennoch seine Ordnung hat, bildet der sich aus seiner Verantwortung stehlende Staat eine neuartige privatwirtschaftliche Nomenklatura – eine Art McKinsey-Stalinismus – heran: Netzwerke aus Akkrediteuren, Evaluierern, privat-planwirtschaftlichen Bildungsplanern und Bildungsspitzeln. Ihr bildungstechnokratischer »Neusprech« (Orwell) lenkt nicht zuletzt von den zwei grundsätzlichen Fragen ab: Welcher historische Wandel erschüttert das Hochschulwesen? Und welche Rolle soll die reformierte Universität in der veränderten Welt spielen?

Der Humboldtsche Bildungsbegriff ist moderner denn je. Fast alle scheinbar ewigen Formen, Unsicherheit zu bewältigen, verlieren an Bedeutung – Familie, Ehe, Geschlechterrollen, Klassen, Parteien, Kirchen, zuletzt auch der Wohlfahrtsstaat. Auf diese Vervollkommnung der Unsicherheit gibt es bislang nur drei Antworten: Bildung, Bildung, Bildung!

Es ist auch nicht die Universität, die in Ruinen liegt, sondern das nationale Modell der Universität, jenes Bündnis von modernem Staat, akademischer Wissenschaft und nationaler Kultur, das nach innen dem nationalstaatlichen Projekt der kulturellen Integration, nach außen dem Imperialismus diente. Die historischen Rahmenbedingungen, unter denen der Nationalstaat und der moderne Begriff der Nationalkultur sich wechselseitig hervorriefen, werden von der Großen Veränderung einer sich zunehmend transnationalisierenden Wirtschaft, Kultur und Politik weggespült. Damit zerfallen: die Allmacht des Staates im Bildungswesen; der Elitecharakter der Universität (sowohl was den Zugang, als auch was das Curriculum betrifft); die Legende des akademischen Elfenbeinturms; nicht zuletzt der »methodologische Nationalismus« der Universität. Was ist damit gemeint?

Unter dem Eindruck der nationalen Einheit von Staat und Universität haben sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften ganz natürlich darin eingerichtet, den Staat als Nationalstaat, die Gesellschaft als Nationalgesellschaft, die Identität als nationale Identität, die Geschichte als Nationalgeschichte, die Ungleichheit als nationale Ungleichheit, die Gerechtigkeit als nationale Gerechtigkeit, die Demokratie als nationale Demokratie zu begreifen und zu erforschen. Das konserviert in Zeiten des transnationalen Vermischens und Verwischens von Grenzen, der Erweiterung von Handlungsoptionen und Handlungswirklichkeiten in Wirtschaft und Politik, der multinationalen Familienformen, Bildungs- und Arbeitskarrieren, kurz: in der globalisierten Welt falsche Erkenntnis- und Bildungswege. Nirgendwo wird dies so skandalös deutlich wie in Europa, dessen Nationalgesellschaften und Nationalstaaten verflechtende Wirklichkeit im Banne des methodologischen Nationalismus schlechterdings unbegreiflich bleibt.

Die Universitäten erleiden also das profane Schicksal anderer öffentlicher Dienstleistungen. Und die Antwort verlangt nicht weniger als eine Quadratur des Kreises: Sie muss einander widersprechende Ziele verbinden: das finanzpolitische Diktat des Weniger (weniger Geld, weniger Stellen) mit dem demokratiepolitischen Diktat des Mehr (Massenbildung und Elitenbildung).

Im Umgang mit diesen Schwierigkeiten lassen sich drei programmatische Optionen der Bildungspolitik unterscheiden. Die Vertreter der ersten, der nostalgischen Agenda stellen sich blind gegenüber diesen historischen Veränderungen und halten an dem alten Motto fest: Warum soll sich etwas daran ändern, dass sich nichts ändert (insbesondere wenn wir nach Kräften dazu beitragen, dass die Macht der Routine, des ewigen Trotts einen stillen Triumph feiert)? Da der Status quo nicht mehr als Argument taugt, schöpfen die Nostalgiker ihre Rechtfertigung aus der Kritik der neoliberalen Agenda.