Rache ist ein Begriff, der gemeinhin in der Politik nicht ausgesprochen wird – er klingt zu sehr nach Barbarei. Lieber verwendet man blutleere Worte wie etwa »Befriedung«; unter diesem Begriff läuft in diesen Tagen die militärische Offensive der USA gegen die irakische Stadt Falludscha.

10000 amerikanische Marine-Infanteristen und 5000 irakische Soldaten sind angetreten, in Falludscha mit Bomben und Raketen den irakischen Wahlkampf einzuleiten. Die Stadt, in der 300000 Einwohner leben, muss niederkartätscht werden, damit im Januar die geplanten Wahlen stattfinden können – das ist die offizielle Begründung für die größte Militäraktion seit der Invasion des Iraks im März 2003. Nur wenn dort den Terroristen, Guerilleros, Kopfabschneidern, Entführern, Verbrechern und all den anderen größeren und kleineren Monstern der Garaus gemacht ist, nur dann öffnen sich die Tore für die Demokratie.

Vorerst öffnet sich der Weg zu einer anderen Welt. Es war Ministerpräsident Ijad Allawi, der eine Ahnung gab von dem Abgrund, der sich auftut. Als er seine Soldaten vor dem Sturm auf Falludscha besuchte, riefen sie ihm zu: »Zur Hölle sollen sie fahren!« Und der Ministerpräsident antwortete: »Zur Hölle werden sie fahren!« In der Hölle darf man von Rache durchaus reden – und in Falludscha muss man es geradezu, um zu verstehen, wie es zu dem Sturm auf die Stadt gekommen ist. Der außergewöhnliche Umstand muss nämlich erst begriffen werden: dass eineinhalb Jahre nach der Invasion die US-Armee in genau das verwickelt wird, was sie immer zu vermeiden suchte – den Häuserkampf.

Zunächst einmal ist da die Stadt. Sie liegt knapp sechzig Kilometer westlich von Bagdad, an den Hauptverkehrsadern nach Jordanien und Syrien. Ihre Bewohner sind in der großen Mehrheit Mitglieder von sieben sunnitischen Stämmen. Falludscha verfügt weder über Ölvorkommen noch über sonstige Ressourcen, die das Leben seiner Einwohner angenehm gestalten könnten. Die Lebensgrundlage für die Männer und ihre Familien war in erster Linie die Armee, danach die Baath-Partei. Saddam Hussein war der Garant ihres Wohlstandes.

Das ist auch der Grund, warum Falludscha heute gern als Hort der Unverbesserlichen dargestellt wird, als Heimstatt der Nostalgiker der Diktatur. Das freilich ist eine propagandistische Überhöhung. Die Hauptressource für die Menschen Falludschas war nicht Saddam, sondern der irakische Staat – nur hatte Saddam Hussein ihn gekidnappt.

Und dieser Staat ist von den Invasoren mutwillig zerschlagen worden. Die US-Besatzer haben die irakische Armee und die Baath-Partei kurz nach der Invasion mit einem Federstrich aufgelöst. Sie haben nahezu allen Menschen in Falludscha die Lebensgrundlage entzogen und sie damit empfänglicher gemacht für radikale Botschaften.

Die Gewalt kam sehr schnell in die Stadt – und sie kam zunächst von den amerikanischen Soldaten. Im April 2003 starben 18 irakische Zivilisten durch die Kugeln von US-Soldaten im Zentrum Falludschas. Die Soldaten hatten auf eine demonstrierende Menge geschossen, die mit Transparenten und Parolen gegen die Besetzung einer Schule durch die US-Armee protestiert hatte. Dass diese Bluttat am Anfang stand, ist von großer Bedeutung. Die Stämme aus Falludscha folgen, wie alle Stämme im Irak, den Gesetzen der Blutrache, vor allem dann, wenn es keine andere Autorität mehr gibt, und die gab es nach der Zerschlagung des Staates nicht mehr. Es gab auch niemanden, an den die Angehörigen der Opfer sich hätten wenden können. Kein funktionierendes Gericht, nicht einmal eine Anlaufstelle und schon gar nicht eine US-Armee, die bereit gewesen wäre, eigene Fehler einzugestehen und eigene Leute für Vergehen zu bestrafen. Es blieb die Rache – als Motiv und als Gesetz. Wer nicht an die langfristigen Folgen des Massakers von Falludscha glauben will, der denke an den Bloody Sunday im nordirischen Londonderry, an dem am 30. Januar 1972 britische Soldaten 13 Zivilisten erschossen hatten. Der Bloody Sunday trieb eine ganze Generation in die Fänge der IRA. Das geschah in einem demokratischen Staat namens Großbritannien.