Auf dem melodramatischen Höhepunkt des Films, als das verhinderte Liebespaar, gegen dessen Glück sich die ganze Welt verschworen hat, schon an der unerschütterlichen Hartherzigkeit seiner buckligen Verwandten gescheitert scheint, nimmt die Tragödie eine jähe Wendung ins Komödiantische. Der bis dahin so sanfte Hauptdarsteller bekommt endlich den überfälligen Wutausbruch gegen seinen Vater, das absolutistisch herrschende Oberhaupt der muslimischen Exilantenfamilie: Zum ersten Mal in seinem duckmäuserischen Dasein blickt das erwachsene Kind dem kindischen Alten furchtlos ins Auge. Fällt ihm ins Wort. Verweigert den Befehl. In einer plötzlichen und triumphalen Metamorphose verwandelt ein bedenklicher Hamlet sich in den brüllenden Löwen Casim, der sich nicht länger von der treusorgenden Weinerlichkeit und der kalten Prinzipientreue seines Vaters erpressen lässt. Aber, oh Wunder! Kaum dass der feige Löwe sich auf seinen angeborenen Mut besinnt, geschieht auch schon, was im Märchen stets geschieht, wenn der schmächtige Drachentöter sich heißen Herzens dem aufgeblasenen Drachen entgegenwirft: Das Untier schrumpft zu einem komischen kleinen Verlierer.

Man muss sich die flotten Szenen von Ken Loachs neuestem Film einmal in Ruhe anschauen, um zu erkennen, worin das bisher noch zu wenig gewürdigte Talent des erprobten Regisseurs besteht: die Theatralik der Katastrophe, den heimlichen Witz des kleinbürgerlichen Trauerspiels herauszuarbeiten. Bisher galt Loach vor allem als Spezialist für das Düstere am Düsteren, von den Formen des Komischen bevorzugte er allenfalls den Sarkasmus. Er kehrte in den schlimmsten Dreckecken des Sozialdramas, und wenn eine seiner Figuren an Verzweiflung oder Alkoholismus litt, dann konnten wir sicher sein, dass er uns keines der deprimierenden Symptome ersparen würde.

Der junge Muslim konvertiert zum westlichen Liebesideal

Just a Kiss hingegen setzt auf die befreiende Kraft des Lachens, das aus dem Kontrast zwischen Anspruch und Wirklichkeit erwächst. Loachs Auffassung von Humor schließt das Lächerliche und Satirische jedoch weitgehend aus und folgt der Hegelschen Definition, nach der echte Komik auf der Unverletzbarkeit der komischen Persönlichkeit beruht. Da stehen sie also im Vorgarten des Glasgower Vororthäuschens: Vater und Sohn als Sinnbild des ewigen Zerwürfnisses der Generationen. Der nach Europa geflohene Pakistani und der pakistanische Brite als Allegorie des Kulturkampfes. Um seine Niederlage komplett zu machen, drischt der gedemütigte Patriarch auch noch mit einem schweren Metallrohr auf den frisch verputzten Anbau ein, in den der junge Casim und dessen pakistanische Cousine hätten einheiraten sollen.

Aber der feine Herr Sohn musste ja kurz vor der Hochzeit zum Glauben an die frei gewählte Liebesbeziehung konvertieren. Missioniert hat ihn ausgerechnet eine geschiedene irisch-katholische Blondine, bei der der abtrünnige Bräutigam nun wohnt. Schreiend haut deshalb der Vater (dessen richtigen Namen wir nicht kennen, weil er immer nur Vater genannt wird, vor allem natürlich von seiner Frau) die teuren Fenster kaputt. Dann zertrümmert er die Tür. Und dann – Schnitt! – sieht man ihn mit verbundenen Handgelenken in der Küche sitzen, über den Trümmern seines mühsam zusammengesparten Exilantenlebensentwurfs.

Wo in Loachs Arbeiten bisher die harsche moralische Kritik an den sozialen Verhältnissen dominierte, kommt nun etwas Versöhnliches ins Spiel – Schiller hat es als "moralische Indifferenz der Komödie" bezeichnet. So leicht hätte Loach es uns früher nicht gemacht. Vor allem seine Dokumentarfilmreihe Questions of Leadership (1983) und die dokumentarisierenden Spielfilme wie Family Life (1972), Looks and Smiles (1981) und Sweet Sixteen (2002) widmeten sich so ausführlich dem Elend ihrer Protagonisten, dass man als Zuschauer oft nicht wusste, was schwerer auszuhalten war: die Verfilmung des Martyriums oder das Martyrium selbst. Tagelang konnten einem diese von Frust und uneingestandenen Sehnsüchten zerfurchten Gesichter in Erinnerung bleiben. Etwa die Mutter aus Family Life, wie sie ihre verweinte Tochter ankeift ("Denk doch auch mal an uns!"). Oder der Vater des schwangeren Mädchens, wie er schamhaft den bohrenden Fragen des Familientherapeuten ausweicht.

Die Romeo-und-Julia-Geschichte Just a Kiss ist heller ausgeleuchtet und geschmeidiger erzählt als Loachs bisherige Werke. Keine schimmligen Tapeten, keine halb vollen Flaschen Fusel, keine zermürbenden Selbstzweifel. Stattdessen ein feinfühliger DJ (Atta Yaqub) und eine beherzte Musiklehrerin (Eva Birthistle), deren Romanze sich in schlagfertigen Dialogen entwickelt. Während der Regisseur in Family Life seine Figuren noch ungeschminkt und mitten in ihrem unaufgeräumten Leben erwischt, werden die Helden nun nach allen Regeln der Unterhaltungskunst inszeniert. Der verliebte Prinz, wie er lässig an seinem tiefer gelegten Golf lehnt. Die zarte Prinzessin, wie sie ein Gedicht von Robert Burns intoniert. Casims couragierte Schwester, wie sie die pickligen Chauvinisten aus ihrer Schulklasse in die Flucht schlägt. Dazu gibt es lustige Missgeschicke (ein Klavier donnert die Treppe runter) und rosarote Bettszenen (die Verliebten im Badeurlaub).