Hier läuft einer um sein Leben. Jeden Tag, bei Wind und Wetter, wöchentlich oft mehr als hundert Kilometer. Seitdem der Romancier und Lyriker Günter Herburger sich vor zwanzig Jahren dem Marathonlauf verschrieben hat, betreibt er zwei Extreme: lange Distanzen am Schreibtisch und auf den Beinen. In seinen Büchern Lauf und Wahn (1988) sowie Traum und Bahn (1994) hat der Autor die für ihn lebensspendende Wechselwirkung dieser beiden Extreme so einleuchtend wie faszinierend dokumentiert.

Mit Schlaf und Strecke erreicht er jetzt, summa summarum, die 1000-Seiten-Marke. Rekorde, Preise, Ranglisten freilich haben den mittlerweile 72-Jährigen nie interessiert. Einer wie Herburger, der Literatur als Abenteuer begreift und im exzessiven Laufen auf geistige Gewinne setzt, hält sich an die Lebenstaktik der weisen Zen-Meister: Der Weg ist das Ziel. Entsprechend darf der mit ihm laufende Leser sich auf eine erzählerische Querfeldeinroute voller Ab- und Ausschweifungen gefasst machen. Auf eine cross durch die Landschaften des Wissens und der Wahrnehmung führende Textstrecke, die strukturiert wird von den Veranstaltungsorten all jener Stadt-, Gebirgs- und Wüstenläufe, an denen der Marathonmann in den vergangenen Jahren teilgenommen hat – Paris, Emmental, Los Angeles, Husum, Sinai, Riga

Doch egal, wo dieser Kosmopolit gerade am Start ist: Immer rennt er, um den eigenen Horizont aufzureißen und zu öffnen für "neue Einblicke und Vorstellungen". Im Rhythmus des Laufschritts kommt sein Sensorium extrem auf Touren. Hier präsentiert sich ein austrainierter Beobachtungsathlet, dessen Aufmerksamkeit nicht nur den Leibesstrapazen gilt, sondern auch und vor allem der immensen Erscheinungsvielfalt am Rande der Strecke. Im Vorüberlaufen sieht er, was andere versäumen. Durchlässig noch für die abseitigsten Natur- und Zivilisationseindrücke, weiß der Langstreckler am Ende mehr über Land und Leute zu erzählen als so mancher Cicerone.

Indes: Wer sich den Exerzitien einer Extremstrecke unterzieht, ist der Hölle näher als dem Himmel. Fußbluten, Krämpfe oder drohender Kollaps nötigen Herburger wiederholt zu der Frage: "Weshalb diese Plagen?" Dabei ist ihm sonnenklar, weshalb: Heftiger nämlich noch als die Mühen eines Marathons plagen ihn die Dämonen des Alltags, seine Daseinszwänge und "Vernichtungsängste", die nur zu bannen sind, indem er laufend das Weite sucht.

Vor zwei Hundescheusalen flüchtet er auf den Baum

Ungeachtet der Risiken und Nebenwirkungen muss dieser Autor sich erst die Seele aus dem Leib rennen, bevor er sich produktiv verausgaben kann. Wenn es unterwegs gut für ihn läuft, hat er das Glück des Süchtigen, dann läuft er in eine Trance hinein, in der ihm die Pforten des Vergessens aufspringen. Es sind jene rauschhaften Bewusstseinszustände, in denen "das Ich, dem die Anstrengung lästig geworden war, sich verabschiedete und die Verhältnisse verrückte".

Freilich folgt auf die Endorphin-Kicks prompt der Kater. Etwa wenn die Einsamkeit des Langstreckenläufers schon deshalb bedrohlich zunimmt, weil er sich im Tran verlaufen hat oder ihn zwei von der Leine gelassene "Hundescheusale" auf den nächsten Baum treiben. Über Tierwelt und Botanik kann der Marathondichter dann ebenso erhellend meditieren wie über die Johanniter auf Malta, die Aporien der Topologie oder Becketts Faible für Fahrräder. So protokolliert diese herrlich schwingende, leichtfüßig daherkommende Laufprosa immer auch die Läufe durch den Kopf, und zwar durch einen extrem gebildeten; mal im Ton olympischer Heiterkeit, mal sachlich, mal surreal. Die Kurzformel dafür sollte Herburger sich patentieren lassen: "Bann plus Vielfalt gleich Poesie".

Und was macht dieser heillose Davonläufer, wenn er beim Nachtlauf von Florenz, nach sage und schreibe 100 Kilometern ("12:23:18"), allmählich wieder zum Luftholen kommt? Verständlicherweise das, was der Rezensent jetzt auch macht – erst mal eine rauchen!