Lars Gustafsson ist wahrlich ein alter Schwede und ein Schlitzohr erster Güte. In jenen seiner zahlreichen Romane, etwa im Nachmittag eines Fliesenlegers (1991) oder in der Dritten Rochade des Bernard Foy (1986), wo er eine Philosophie des Absurden mit trivialen Erzählmustern verschränkt, liebt er es, falsche Fährten zu legen und den Leser aufs Glatteis zu führen. Die Frage, was daran Scherz, Ironie oder tiefere Bedeutung sei, machte den großen Reiz der Sache aus. In diesem Roman ( Der Dekan), der eine ziemlich verworrene Geschichte ziemlich verworren ausbreitet, treibt Gustafsson seine Methode auf die Spitze.

Wir haben die nachgelassenen Papiere des Professors Spencer C. Spencer vor uns, tagebuchartige Notizen, philosophische Betrachtungen, persönliche Erinnerungen. Einem Nachwort der Herausgeberin Dr. Elizabeth Ney, ihres Zeichens Bibliothekarin an der University of Texas in Austin, können wir entnehmen, dass die Papiere in einem verlassenen Auto, versteckt unter dem Reserverad, gefunden wurden. Von dem Mann fehlt jede Spur. Die Papiere sind lückenhaft, durch Feuchtigkeit beschädigt, und die Abfolge der Blätter, da nicht alle paginiert sind, ist unsicher.

Spencer ist oder war Vizedekan an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Austin, und in der Mitte seiner Aufzeichnungen steht der Dekan, ein an den Rollstuhl gefesselter Vietnamveteran, ein faszinierend vielschichtiger Machtmensch, der nicht allein die Fakultät mit eiserner Hand führt, sondern auch gerne mit Spencer über Gott und die Natur philosophiert und ihm immer wieder von seinen Kriegserlebnissen berichtet. Weiterhin von Bedeutung sind eine junge, naturgemäß schöne Studentin, in die sich Spencer verliebt, sowie ein verhasster, unglaublich reicher Cousin, der ihm das Mädchen abspenstig macht.

Die Zeiten und Wirklichkeiten geraten durcheinander

Es gibt also den Autor Gustafsson (der lange in Austin lehrte), die Herausgeberin Ney, den Tagebuchschreiber Spencer und den erzählenden Dekan, und es ist nicht sicher, ob wir dieser vierfachen Überlieferung trauen dürfen, zumal es sich bei Spencer um einen mit halluzinogenen Pilzen experimentierenden Mann handelt, dem die Zeiten und Wirklichkeiten nicht selten durcheinander geraten.

Wenn man die an entscheidender Stelle oftmals abbrechenden Notizen richtig versteht, dann scheint es sich darum zu handeln, dass Spencer und der Dekan miteinander die folgende Abmachung treffen: Der Dekan befreit Spencer von seinem Nebenbuhler, während Spencer im Gegenzug den Dekan von einem Mitwisser aus Kriegstagen befreit, wobei wiederum nicht klar ist, was dieser Mitwisser weiß und weshalb er dem Dekan gefährlich werden könnte.

Unerschrockener Scharfsinn und kindliche Fabulierlust

Wenn wir annehmen, es handele sich hier um einen Mordfall (und dafür spricht, dass Spencer seine Gedanken an einem gottverlassenen Ort in der Wüste aufzeichnet, wohin er geflohen ist), dann haben wir es mit einer Kriminalgeschichte zu tun. Sie versetzt den Leser in die peinliche Lage eines Detektivs, der keine andere Quelle besitzt als die Aufzeichnungen eines offenkundig nicht immer zurechnungsfähigen Mannes.