medizin Die EthnopilleSeite 3/3
Kahn denkt in diesem Punkt anders. Er beobachtet schon seit längerem, wie sich die Medikamentenbranche in den USA nach neuen Konsumentengruppen umsieht. Der Ethnomarkt scheint eine lukrative Spielwiese. Die Frage ist, inwieweit man in der Medizin den Rassenbegriff einführen sollte. So gibt es tatsächlich Erkrankungen, die in bestimmten, abgegrenzten Bevölkerungsgruppen gehäuft vorkommen und für die sich genetische Marker benennen lassen. So leiden beispielsweise die Pima-Indianer in Arizona besonders häufig an Diabetes. Eine gezielte Therapie wäre für solche Fälle wünschenswert.
Auf der anderen Seite befürchten Kritiker wie der Anthropologe Alan Goodman vom Hampshire College, dass die Vermischung von genetischen Auffälligkeiten mit dem Rassenbegriff zu einer Wiederkehr rassistischer Gedanken in der Medizin führen könnte. Für Elijah Saunders, Professorin für Medizin an der University of Maryland, ist das gehäufte Vorkommen von Krankheiten bei bestimmten Ethnien ein Anzeichen für das Vorhandensein bestimmter genetischer Merkmale, aber noch lange kein Grund, gleich von Rasse als genetischem Zustand zu sprechen. Wie sie lehnen viele Genomforscher, Pharmakologen und Mediziner, es strikt ab, Rasse als biologischen Bestimmungsfaktor zu begreifen.
Der Pharmagenetiker Howard McLeod von der Washington University in St. Louis kommentierte gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Nature im Juli dieses Jahres ironisch: »Ich glaube nach wie vor, dass die Pigmentierung der Haut ein ziemlich schlechtes Vorhersageinstrument der Herzfunktion ist.« McLeod zieht es vor, die genetischen Variationen zu bestimmen, die dafür verantwortlich sind, dass der Körper gut auf ein Medikament anspricht – oder auch nicht. Gregg Bloche, der nicht nur Jurist, sondern auch Arzt ist, hält den neuen Trend zum ethnischen Medikament für fatal. Unterschiede bei der Empfindlichkeit gegenüber Medikamenten basierten auf einer wenig verstandenen Mixtur aus psychosozialen, ökonomischen, kulturellen und Umwelteinflüssen. Die Fokussierung auf die Rasse als Unterscheidungsmerkmal könnte Forschung in diese Richtung abschrecken.
Noch immer steht die eigentliche Zulassung des Medikaments bei der FDA aus. Durch die aktuelle Veröffentlichung dürften die Chancen auf Zulassung von BiDil Anfang nächsten Jahres kräftig steigen. Damit wäre Jay Cohn am Ziel. Nach langer Odyssee hätte er sein Medikament im Pharmamarkt endlich untergebracht, und die Welt erhielte die erste Ethnopille.
- Datum 11.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.11.2004 Nr.47
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