afrika Die Swapo, was sonst?

Namibia wählt und wird für seine Befreier stimmen. Bessere gibt’s nicht

Windhuk

Nicht einmal in der Parteizentrale merkt man, dass Wahlkampf ist. Kein Plakat an der Wand, kein Fähnlein. Niemand wirkt besonders umtriebig oder aufgekratzt im Hauptquartier der South West Africa People’s Organization (Swapo), die Gleichmut des Siegers. Die Swapo hat jede Parlaments- und Präsidentenwahl seit der Unabhängigkeit Namibias souverän gewonnen, sie wird auch diese am 15. und 16. November haushoch gewinnen. Auf dem Wahlmanifest 2004 ist ein Guerillero mit erhobener Faust zu sehen. Die Mehrheit wird das Kreuzchen neben dieser Faust machen, sie symbolisiert den Befreiungskampf der Swapo, der den Menschen ihre Würde zurückgegeben und vielen ein besseres Leben gebracht hat.

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Das Swapo-Haus liegt an der Independence Avenue, die vom wohlhabenden weißen Zentrum der Hauptstadt Windhuk hinausführt in die schwarze Township Katutura. Als die Magistrale zu Ehren des obersten deutschen Kolonialherrn Wilhelm II. noch Kaiserstraße hieß, war Katutura ein armseliges Ghetto; sein Name bedeutet »der Ort, an dem niemand leben will«. Seit der Geburt Namibias anno 1990 hat es sich gewaltig verändert. Die Avenue säumen jetzt Palmen. Links und rechts stehen Einkaufszentren, Tankstellen, Banken, gepflegte Konsumödnis, wie in einer amerikanischen Vorstadt. Dann das UN Plaza, ein hübsches Kultur- und Sportzentrum, dahinter der Soweto-Markt mit den bonbonbunten Parzellen, Schneider, Metzger, Frisör, Schlüsseldienst, normales Marktleben, das vor nicht allzu langer Zeit noch verboten war. Damals, als die Südafrikaner das Land widerrechtlich besetzt und mit der Apartheid beglückt hatten, als auf jedem Häuschen die »Stammeskennung« stand, der Anfangsbuchstabe der Volksgruppe, zu der die jeweiligen Bewohner gehörten. An mancher Wand sind die Insignien des Rassenwahns noch gut leserlich: H für Herero, D für Damara oder N für Nama.

Die Independence Avenue wird schmaler. Zur Linken steht ein größeres Haus, davor zwei schlaffe Fahnen, das Regionalbüro des Congress of Democrats (CoD). Es ist die stärkste Oppositionspartei, sie hat sieben Sitze im Parlament, aber weder Geld noch Einfluss, noch ein klares Konzept. Das Büro ist nicht besetzt. Hat man schon aufgegeben, in der Swapo-Hochburg Katutura Wähler zu gewinnen? »Es wäre ein großer Erfolg, die Zweidrittelmehrheit der Swapo zu brechen«, sagt Agapitus Hausiku später, am anderen Ende der Independence Avenue. Er listet die Versäumnisse der Regierung auf, die Armut und die extrem hohe Arbeitslosigkeit (Katutura: 40 Prozent). Er prangert die korrupten Parteibonzen an und die Vetternwirtschaft. Er nennt die Swapo einen vielköpfigen Drachen. Es sieht nicht so aus, als könne seine Partei dem Lindwurm Respekt einflößen.

Geröstete Kuhzungen vor windschiefen Häusern

»Die haben genauso wenig zu verkaufen wie ein Laden in Moskau vor der Wende«, sagt der Swapo-Abgeordnete Elia Kaiyamo. Auf seiner Krawatte sind Wahlurnen und Stimmzettel zu bewundern. Hat seine Partei etwas falsch gemacht? »Gehen Sie mal in irgendein anderes Land Afrikas, wo Chaos herrscht, und dann kommen Sie nach Namibia zurück.« Man muss unweigerlich daran denken, was Hausiku gesagt hat: »Ich kann die Vergleiche mit heruntergewirtschafteten Ländern nicht mehr hören. Wir sollten uns an besseren messen!«

Jenseits der Independence Avenue beginnt Luxury Hill, der »Luxushügel«, auf dem die Bessergestellten wohnen, darunter auch ein paar Granden der Swapo. Aber den meisten ist es hier zu afrikanisch, sie leben lieber in einer Villa im Süden der Stadt, im Viertel Auasblick etwa, wo die Straßen Chamonix oder St. Moritz heißen. Dort befindet sich auch eine kolossale Baustelle, bei deren Anblick man an einen Weltraumbahnhof oder an eine Zitadelle denkt. Was wird hier gebaut? Die Vertragsarbeiter sprechen leider nur nordkoreanisch. Und der Wachsoldat, der mit seiner MP herumfuchtelt, bellt: »Umkehren!«

Man hätte natürlich wissen müssen, dass dieses pharaonische Projekt das neue State House für den neuen Präsidenten ist. Es wird wohl eine Milliarde namibische Dollar kosten, heißt es, rund 125 Millionen Euro. Das sind keine peanuts für die kleine Volkswirtschaft von Namibia mit seinen 1,9 Millionen Einwohnern. Den Präsidenten in spe, Hifekepunye Pohamba, hat Sam Nujoma, der amtierende Präsident, persönlich ausgesucht, wobei er den unerwünschten Gegenkandidaten Hidipo Hamutenya nach allen Regeln der Politkabale demontierte. Sein Thronfolger Pohamba ist noch nicht gewählt, aber er rast schon jetzt mit einer jener Eskorten durch die Hauptstadt, die eigentlich den höchsten Amtsinhabern vorbehalten sind.

Hier, wo die Independence Avenue die Monte Christo Road kreuzt, kommen die Mächtigen allerdings nur selten vorbei. In dieser Gegend beginnt allmählich das, was man eigentlich abschaffen wollte: die Dritte Welt, die Armut, das rückständige Afrika. Man muss nur die Omuvapu Street in Richtung Norden hinauffahren, wo die »silberne« Stadt beginnt, die endlosen Blechhüttensiedlungen, die immer weiter hinausfransen in die karstigen Trockentäler. Abertausende zieht es Jahr für Jahr auf der Suche nach Brot und Arbeit nach Katutura. Wenn sie angekommen sind und auf die Felsenkuppen steigen, können sie bis nach Windhuk schauen, dem Ziel ihrer Sehnsucht. 70000 Menschen sollen in den Siedlungen am Rande der Hauptstadt leben; genau weiß es keiner.

Über dem Eingang einer Kaschemme prangt History for Blacks, »Geschichte für Schwarze« – als müsse man sich, wenn man schon keine Zukunft hat, wenigstens die Vergangenheit aneignen. Aber die jungen Zecher sitzen da, um im Rausch die Gegenwart zu vergessen, die Aids-Seuche, die hier wütet, die Armut, die Aussichtslosigkeit. Hat die Regierung versagt? Der Mann, der an einem windschiefen Stand geröstete Kuhzungen verkauft, versteht die Frage nicht. »Es geht doch, irgendwie.« Und das Leben in den Blechhütten? »Die Leute in den Hütten sind doch keine schlechten Leute.« Und was die Wahlen angeht: »Natürlich wird die Swapo gewinnen.« Auch bei den Armen genießt die Regierungspartei nach wie vor den Bonus der Befreiungsbewegung. Und bei allen Versäumnissen und Fehlern sollte man nicht vergessen, dass Katutura nicht von ihr geschaffen wurde, sondern vom weißen Apartheid-Regime. Das verdrängen jene allzu gern, die von der Rassenpolitik profitiert haben und heute scheinheilig rufen, die schwarze Regierung tue nichts für »ihre« Leute.

Die Leute in Katutura sehen das ganz anders. Sie zeigen auf eine nagelneue Schule, die mitten im Slum steht. Oder auf die blitzenden Toilettenhäuschen mit Dunstkamin. Sogar solarbetriebene Telefonzellen gibt es. Damit die Menschen nicht vergessen, wem sie das zu verdanken haben, sind unter den Fernsprechanlagen oft große Porträts von Präsident Nujoma zu sehen. Die Wankelmütigen werden spätestens dann für seine Partei stimmen, wenn der Kampagnezug vor ihrer Hütte anhält, wenn es ein warmes Essen gibt, Luftballons für die Kinder, fetzige Musik und vollmundige Versprechungen.

Die Versprechungen wirken wie ein Magnet, der noch mehr Menschen nach Windhuk zieht. Zugleich verschärft die ungelöste Landfrage die Landflucht. 6000 weiße Farmer besitzen nach wie vor den Großteil des Grund und Bodens, viele fürchten, dass es irgendwann auch in Namibia so kommt wie in Simbabwe, wo unter dem Despoten Robert Mugabe Tausende von kommerziellen Landwirten vertrieben wurden. »Der Vergleich mit Simbabwe ist absoluter Schwachsinn«, empört sich Uno Katjipuka, eine resolute junge Anwältin. Auch sie treffen wir auf der Independence Avenue, in einem Café in der Stadtmitte, wo junge schwarze Aufsteiger gern ihren Lunch einnehmen. »Namibia ist ein Rechtsstaat, habt ihr das nicht kapiert?« Außerdem wollen viele Menschen, die in den Blechhütten von Katutura hausen, gar kein Land. Sie wollen ein richtiges Häuschen, einen Job, eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Sie träumen von Handys, nicht von Harken.

 
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