afrika Die Swapo, was sonst?Seite 2/2
Hier, wo die Independence Avenue die Monte Christo Road kreuzt, kommen die Mächtigen allerdings nur selten vorbei. In dieser Gegend beginnt allmählich das, was man eigentlich abschaffen wollte: die Dritte Welt, die Armut, das rückständige Afrika. Man muss nur die Omuvapu Street in Richtung Norden hinauffahren, wo die »silberne« Stadt beginnt, die endlosen Blechhüttensiedlungen, die immer weiter hinausfransen in die karstigen Trockentäler. Abertausende zieht es Jahr für Jahr auf der Suche nach Brot und Arbeit nach Katutura. Wenn sie angekommen sind und auf die Felsenkuppen steigen, können sie bis nach Windhuk schauen, dem Ziel ihrer Sehnsucht. 70000 Menschen sollen in den Siedlungen am Rande der Hauptstadt leben; genau weiß es keiner.
Über dem Eingang einer Kaschemme prangt History for Blacks, »Geschichte für Schwarze« – als müsse man sich, wenn man schon keine Zukunft hat, wenigstens die Vergangenheit aneignen. Aber die jungen Zecher sitzen da, um im Rausch die Gegenwart zu vergessen, die Aids-Seuche, die hier wütet, die Armut, die Aussichtslosigkeit. Hat die Regierung versagt? Der Mann, der an einem windschiefen Stand geröstete Kuhzungen verkauft, versteht die Frage nicht. »Es geht doch, irgendwie.« Und das Leben in den Blechhütten? »Die Leute in den Hütten sind doch keine schlechten Leute.« Und was die Wahlen angeht: »Natürlich wird die Swapo gewinnen.« Auch bei den Armen genießt die Regierungspartei nach wie vor den Bonus der Befreiungsbewegung. Und bei allen Versäumnissen und Fehlern sollte man nicht vergessen, dass Katutura nicht von ihr geschaffen wurde, sondern vom weißen Apartheid-Regime. Das verdrängen jene allzu gern, die von der Rassenpolitik profitiert haben und heute scheinheilig rufen, die schwarze Regierung tue nichts für »ihre« Leute.
Die Leute in Katutura sehen das ganz anders. Sie zeigen auf eine nagelneue Schule, die mitten im Slum steht. Oder auf die blitzenden Toilettenhäuschen mit Dunstkamin. Sogar solarbetriebene Telefonzellen gibt es. Damit die Menschen nicht vergessen, wem sie das zu verdanken haben, sind unter den Fernsprechanlagen oft große Porträts von Präsident Nujoma zu sehen. Die Wankelmütigen werden spätestens dann für seine Partei stimmen, wenn der Kampagnezug vor ihrer Hütte anhält, wenn es ein warmes Essen gibt, Luftballons für die Kinder, fetzige Musik und vollmundige Versprechungen.
Die Versprechungen wirken wie ein Magnet, der noch mehr Menschen nach Windhuk zieht. Zugleich verschärft die ungelöste Landfrage die Landflucht. 6000 weiße Farmer besitzen nach wie vor den Großteil des Grund und Bodens, viele fürchten, dass es irgendwann auch in Namibia so kommt wie in Simbabwe, wo unter dem Despoten Robert Mugabe Tausende von kommerziellen Landwirten vertrieben wurden. »Der Vergleich mit Simbabwe ist absoluter Schwachsinn«, empört sich Uno Katjipuka, eine resolute junge Anwältin. Auch sie treffen wir auf der Independence Avenue, in einem Café in der Stadtmitte, wo junge schwarze Aufsteiger gern ihren Lunch einnehmen. »Namibia ist ein Rechtsstaat, habt ihr das nicht kapiert?« Außerdem wollen viele Menschen, die in den Blechhütten von Katutura hausen, gar kein Land. Sie wollen ein richtiges Häuschen, einen Job, eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Sie träumen von Handys, nicht von Harken.
- Datum 11.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.11.2004 Nr.47
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