Kunst Die Kunst des Exorzierens
Im monströsen Palast des rumänischen Diktators Ceauşescu ist ein Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet worden
Am Universitätsplatz in Bukarest treffen vier große Boulevards zusammen, und wer die Straße überqueren will, schaut sich lieber achtmal um, auch wenn er grünes Licht hat. Die steinernen Kreuze, die auf einer kleinen Insel im brausenden Verkehr stehen, gelten aber nicht, wie der von Autos verfolgte Fußgänger vermutet, den Opfern des mobilen Mordens, sondern denen der Revolution im Jahr 1989. Damals, am 21. Dezember, glaubte der Conducator Nicolae Ceauşescu noch, den plötzlich ausgebrochenen Widerstand gegen sein Regime mit Hilfe der Armee und der Securitate vernichten zu können. Die Demonstranten wurden niedergeknüppelt oder erschossen. Am 22. Dezember aber stürmten die Menschen das Gebäude des Zentralkomitees, Ceauşescu und seine Frau entkamen mit einem Hubschrauber, wurden aber wenig später gefangen genommen. Am 25. Dezember erfuhren die Rumänen, dass, wie man so sagt, kurzer Prozess gemacht und das Grusical-Paar erschossen worden war.
Viele Künstler blicken mit Hassliebe auf den einstigen Diktatorenpalast: Irina Botea schrumpft ihn auf Grashalm- und Schuhgröße
In dem 1990 entstandenen Video East-West Avenue von zwei Mitgliedern der Künstlergruppe subREAL sieht man Details eines offensichtlich imperialen Gebäudes und kleine, im vertrockneten Gras am Wegesrand aufgestellte Kreuze. Auf jeweils einem schwarzen Schild ist ein Vorname, ein Beruf, der fromme Wunsch nach ewigem Frieden in krakeliger, weißer Schrift zu lesen. Schilder wie diese hatten auch die Arbeiter, die zur Errichtung des Ceauşescu-Palastes abgestellt waren, irgendwo auf der Baustelle in den Boden gesteckt, in Erinnerung an ihre Kollegen, die hier zu Tode gekommen waren, 400 sollen es gewesen sein. Von der Securitate wurden sie sofort wieder entfernt. Die Künstler von subREAL, für die der so genannte Palast des Volkes und seine Entstehung auch identisch sind mit der Geschichte des politischen Terrors im Lande und der wechselnden Rollen von Täter und Opfer, haben, ohne es zu wollen, mit diesem frühen, subtilen Video den Grundstein gelegt für eine neue Institution im Hause Ceauşescu: für das Museu National de Arta Contemporana, in schöner Westmanier kurz mnac genannt, das jetzt eröffnet wurde.
Das mnac ist im Flügel E4 des Gebäudes eingezogen, mit dessen Errichtung 1984 begonnen wurde. Ceauşescu und seine Regierungsgenossen konnten nicht mehr einziehen; noch heute wird in aller Stille und mit hohen Kosten weitergebaut. Einige Künstler und Intellektuelle wollen den Einzug der Kunst in dieses Haus nicht mitmachen und protestieren gegen diesen Museumsort, in dem heute auch das Parlament seinen Sitz hat, dessen Entstehungsgeschichte aber barbarisch ist. Ungefähr 1000 Jugendstil- und Art-déco-Häuser, 25 Kirchen und Basiliken, Archive und Institute ließ Ceauşescu in Schutt und Asche legen, 70000 Bewohner umsiedeln, um sein totales Staatseigenheim an einem besonders erdbebensicheren Platz errichten zu können. Nachdem rund 20 Prozent der alten Bausubstanz von Bukarest vernichtet waren, machten sich 700 Architekten und 17000 in drei Schichten arbeitende Bauleute daran, unter der Ägide der 28-jährigen Architektin Anka Petrescu einen quadratisch angelegten Bau mit einem Grundriss von 270 mal 244 Metern und einer Fläche von 400000 Quadratmetern zu errichten. Für die Umrundung des Palastes, circa vier Kilometer, braucht man feste Schuhe und ungefähr eine Stunde Zeit. 1000 Räume, aufgetürmt in Pyramiden bis zu einer Höhe von 86 Metern. Dazu drei unterirdische Kellergeschosse mit Verkehrswegen und Sicherheitsräumen. Gut drei Milliarden Dollar kostete der Palast, dessen Treppenhäuser und Säulenkolonnaden aus landeseigenem Marmor und deren tonnenschwere 3000 Kronleuchter aus Siebenbürger Kristall sind.
Wenn man auf den Palast zukommt, ist er genauso real wie subREAL, eine Fatamorgana, die näher rückt, Albtraum und Attrappe zugleich. Wenn man dann, von einer zierlichen jungen Dame in Stilettostiefeln geführt und in bestem Englisch instruiert, durch die für Besucher freigegebenen Räume geht, zwischen falsch proportionierten, kolossalen Marmorsäulen, auf klein gemusterten Großraumteppichen und unter funkelnden Lüstern, dann erlebt man die Tollwut des aus den Fugen geratenen kleinbürgerlichen Wohnzimmers. Und erinnert sich an den besseren Geschmack der Despoten aus anderem Haus, die ihre Untertanen zwar oft ausgebeutet, den Nachkommen aber so manche architektonischen und künstlerischen Wunderwerke hinterlassen haben. Einige Rumänen allerdings sind auch heute stolz auf den Palast der Superlative. »Ein Fall von Amnesie«, sagt der Kunsthistoriker Adrian Guta, der auch Bedenken hat angesichts der neuen Nachbarschaft von Politik und Kunst.
Nur vier Prozent des Palastes nimmt das mnac ein, so bescheiden war die Familie Ceauşescu, die in den nun von der Kunst okkupierten 16000 Quadratmetern leben sollte. Die Kunst übrigens hatte keine Wahl: Entweder diese Lokalität oder gar keine, lautete das Angebot der Regierung. Was der Künstler Dan Perjovschi, einer der schärfsten Kritiker des Museums, so kommentiert: »Vorne das Parlament, hinten das Museum, Dr. Jekyll und Mr. Hyde, drum herum Ödnis. Das ist die passende Metapher. Und so wird die Kunst wieder als Propaganda genutzt.« Die Eröffnungsworte von Premier Nastase, der nach der jetzt anstehenden Wahl gern das Präsidentenamt des alten kommunistischen Parteikollegen Iliescu übernehmen möchte, scheinen ihm Recht zu geben. »Dieses Museum«, so der Präsident, der bei der Eröffnungspressekonferenz so lange redete, dass keine Zeit mehr blieb für Fragen, »bringt uns der Harmonie und Vielfalt Europas näher.«
»Wir müssen das Haus exorzieren«, sagt Ruxandra Balaci, die künstlerische Direktorin des mnac. Geboren 1965, hat sie Kunstgeschichte studiert, dann in der kleinen Abteilung Moderne der Nationalgalerie, die im früheren Königspalast residiert, gearbeitet. Die Mitarbeiter und Kuratoren (viele davon nur mit Kurzzeitverträgen für die Zeit der Einrichtung und Eröffnung) sind junge Künstler und Kunsthistoriker, oft auch beides zusammen. Geschickt bewegt sich Ruxandra Balaci unter dem etwas koketten Titel Rumänische Künstler (und nicht nur diese) lieben Ceauşescus Palast?! mit ihrer Eröffnungsausstellung in dem verminten Feld der Palastdebatte. Wobei ihr und den anderen Initiatoren die Architektur des mnac entscheidend zu Hilfe kommt.
Mit nur wenigen Eingriffen hat der Architekt Adrian Spirescu aus einer abweisend geschlossenen Fensterfassade ein einladendes Entree und aus überdimensionierten Räumen vier Stockwerke im Menschenmaß für die Kunst gemacht. Hat den verrotteten Travertin gereinigt, aber die Geschichte nicht eliminiert. Im Parterre zum Beispiel zeugen die biedermeierlichen Stukkaturen noch vom Geist des Hausdespoten. In den anderen Stockwerken sorgen viel Tageslicht, einfache Stahlkonstruktionen und helle Holzböden für eine offene Atmosphäre. Im obersten Stockwerk gibt es nicht nur eine Bibliothek, einen Medienraum und eine Kaffeebar, sondern auch eine große Terrasse. Hier kann man Luft holen, auf andere Teile des Palastes oder hinunter auf die Brache schauen, die eigentlich ein französischer Park werden sollte. Ähnlich wie die zwei gläsernen Fahrstühle, die der Fassade links und rechts vom Eingang einen Akzent verleihen und die Besucher sichtbar und sehend herauf- und hinunterfahren, ist die Terrasse mehr als nur eine periphere Annehmlichkeit.
Lieben die Künstler den Palast? Die Ausstellung, sie geht über zwei Stockwerke, beginnt mit drei Bildern, die Ceauşescu so zeigen, wie auch Tausende von Bildern in den Bruderstaaten den jeweiligen großen Führer gezeigt haben: als milden Wohltäter, Freund der Werktätigen und der Kinder. Doch wird diese Staatskunst durch so wenige Beispiele verharmlost und dem Auftritt der oppositionellen Künstler etwas von ihrem kühnen Impetus genommen. Leider fehlt auch eine historische Gruppierung. Alles steht und hängt neben allem, und nur die schlecht erkennbaren Jahreszahlen sagen dem Besucher, dass ein Werk wie Ion Grigorescus Video Dialog mit dem Kameraden Ceauşescu , ein doppeldeutiges schwarzweißes Spiel mit Masken und Texten, schon aus dem Jahr 1978 stammt und bis 1990 von der Zensur verboten war.
Für die jüngeren Künstler, denen politische Zensur eine Vokabel der Geschichte und das Diktat des Marktes eine Realität ist, ist der Palast eine Kulisse und Ceauşescu mal ein Popstar, mal ein Monster. Mit leichter Hand und schwarzer Tusche bekrönt Vlad Nanca auf einem Foto den Palast mit Kirchenkuppeln, der Akt der Vernichtung der Gotteshäuser und der totale Herrschaftsanspruch des Vernichters sind in dieser Überzeichnung ironisch zusammengekommen. Aber meistens geht es knalliger zu bei den Jungen.
Das größte Beispiel freilich für den singulären nationalen Eigensinn bleibt Constantin Brancusí. Auch der Bildhauer wurde, wie Ceauşescu, in einem Dorf in den Karpaten geboren, im Jahr 1876. Seine frühen Arbeiten sind traditionell, Porträtbüsten und jugendstilverträumt geneigte Köpfe. Aber im Ensemble des Parks von Tirgu-Jiu mit dem Tisch des Schweigens, dem Tor des Kusses und der Endlosen Säule bringt er die Natur der Materialien und das Artifizielle der Gestaltung zu einer Einheit, die den Kreis zwischen der Region und der Welt schließt. Brancusís Endlose Säule ist natürlich auch ein Fall von Maßlosigkeit. Aber sie ist aus Holz und nicht aus Marmor, kein Monument der Herrschaft, sondern ein Signal der Sehnsucht.
Zur Gründung des mnac und für die Eröffnungsausstellungen hat man sich auch ausländische Kollegen in den Aufsichtsrat und als Kuratoren geholt. Das ist grundsätzlich verständlich und nützlich. Diese Öffnung nach Westen reduziert aber nicht den Einwand der Museumsgegner, die von Arroganz und Unmoral sprechen angesichts der Tatsache, dass es keine Ausschreibungen gab, keinen Wettbewerb, dass die Künstler nicht einbezogen wurden, als es um das neue Museum ging. Das mnac ist gerade vor seinem ambivalenten Hintergrund ein spektakulärer Anfang und, von der Architektur bis zum Katalog, eine große Leistung. Aber irgendwann wird man hoffentlich auch so weit sein, die widersprüchliche Geschichte der eigenen Moderne zu zeigen und die Disparatheit der eigenen Gegenwart. »Die Existenz eines Museums für zeitgenössische Kunst im Gebäude des Parlaments wird wie die Nähmaschine auf dem Seziertisch niemanden überraschen, absurde Kombinationen haben ihre Schärfe verloren«, schreibt der Künstler Dan Mihaltianu, den Surrealisten-Wahlspruch von Lautréamont variierend.
In Rumänien gibt es vor allem eine Tradition: die der großen Sprünge, Kontraste und Widersprüche. Ceauşescu war nicht der erste Tyrann und nicht der letzte Gigantomane. Gerade hat der junge Architekt Augustin Ioan den Wettbewerb für den Bau der Kathedrale in Bukarest gewonnen. Sie soll höher sein als Notre-Dame und mindestens so hoch wie der Palast des Volkes. Dass es nicht genügend Geld gibt in Bukarest für die Betreuung von Aids-Kranken, für obdachlose Waisenkinder und alte Menschen, scheint die Bischöfe so wenig zu interessieren wie die Tatsache, dass es keinen Bedarf gibt für diese Kathedrale in einer Stadt, die mit 350 kleinen und größeren Kirchen und Basiliken reich gesegnet ist.
Sie stehen, kleine Inseln der Spiritualität, zwischen den großen Häusern und hinter den Boulevards. Die Türen sind immer geöffnet. In einer dieser Kirchen ist eine alte Frau beim Aufräumen und Putzen. Sie drückt einen Kuss auf ein Ikonenbild, sprüht dann ein Reinigungsmittel auf das Glas und poliert rasch nach. Draußen vor der Tür brennen Kerzen in einem überdachten Kasten. Links für die Lebenden, rechts für die Toten.
- Datum 11.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.11.2004 Nr.47
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