Im Sommer 1933 konnte Richard Strauss ihm ja noch einiges abgewinnen, dem "feinsinnigen Dr. Goebbels". Sieben Jahre später sah es anders aus. Der Minister verschob bei der Vergütung der Urheberrechte den Verteilungsplan zugunsten populärer Musik. Es ging um Geld, und da war mit Strauss nicht zu spaßen. "Der Doktor Goebbels hat sich hier nicht einzumischen", schrieb er in einem Brief, der auch in Goebbels’ Hände geriet. Eklat! Der Politiker schnauzte den 76-jährigen Musiker an: "Nehmen Sie zur Kenntnis, daß Sie keine Vorstellung davon haben, wer Sie sind und wer ich bin! … Hören Sie endlich auf mit dem Geschwätz von der Bedeutung der Ernsten Musik!"

In einem hatte Hitlers Agitator wohl Recht: Richard Strauss machte sich nicht klar, dass in einem totalitären Staat keine Ausnahmen gelten. In einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Naivität fuhr er noch 1942 mit seinem Mercedes im KZ Theresienstadt vor, stellte sich den SS-Wachen als "Richard Strauss, der Komponist" vor und erklärte, einige inhaftierte Angehörige mitnehmen zu wollen. Vergeblich. 27 Verwandte seiner Schwiegertochter Alice kamen in den Vernichtungslagern ums Leben. Und hatte er nicht selbst beizeiten den rassistischen Machthabern geholfen und sich als weltberühmter Kulturrepräsentant zur Verfügung gestellt?

Die Akte Strauss ist wohl die prominenteste, wenn es um die Verflechtungen von Musik und Nationalsozialismus geht, und so ist ihr im jüngsten Buch zum Thema auch das längste Kapitel gewidmet. Der kanadische Historiker Michael H. Kater hat nach Büchern über Ärzte, Jazz und E-Musik im "Dritten Reich" jetzt acht Porträts unter dem Titel Komponisten im Nationalsozialismus versammelt, und Strauss kommt dabei ziemlich gut weg. Das könnte daran liegen, dass er dessen Musik ein bisschen kennt. Für Egk, Hindemith, Pfitzner, Orff, Weill, Hartmann und Schönberg gilt das nicht. Fast nur aus zweiter Hand und in Zitaten von oft dürftigster Kompetenz kommt deren Ästhetik zur Sprache – und das meist zur Unterstützung der These, dass die Kunst moralisch fragwürdiger Typen nicht gut sein kann. Hans Pfitzner etwa, 1869 geboren, hat da keine Chance.

Mit den Belegen ist es hier so eine Sache

Sein Slalom zwischen Gut und Böse ähnelt dem von Strauss, nur macht Pfitzner die schwächere Figur. Weil er schon 1919 gegen "jüdisch-internationalen Geist" polemisiert hat, kommt Kater zu dem Schluss, seine Oper Palestrina von 1917 trage "typisch germanische Merkmale". Die Feststellung ist nicht nur indiskutabel, weil sie auch von Goebbels sein könnte, sondern weil Kater sich mit dem abgrundschönen Werk keineswegs näher befasst. Schlecht passt es ihm, dass ausgerechnet Gustav Mahler 1905 Pfitzners Rose vom Liebesgarten aufgeführt hat. Dies sei nur auf Drängen Almas geschehen, liest man hier. Mahler hat allerdings schon 1901 vor der Begegnung mit Alma brennendes Interesse an der Rose bekundet.

Mit den Belegen ist es so eine Sache. Da erfährt man zu Paul Hindemith, der habe sich noch 1937 "positiv über seine Beiträge in Kleinasien zugunsten des Dritten Reiches geäußert". Hindemith hatte in der Türkei musikpolitisch gearbeitet und versucht, Emigranten dort unterzubringen. Tatsächlich steht in dem Faksimile, auf das Kater sich bezieht, kein Wort über diese Tätigkeit. Doch misstraut ihm der Autor schon, weil Hindemith widerwillig emigrierte, zunächst die Schweiz. Das wird ihm als verdächtige Nähe zu Deutschland ausgelegt. Was Kater wohl zu Thomas Mann einfiele?

Mit Eifer werden vor allem Werner Egk und Carl Orff auf ihren Bräunungsgrad untersucht. Dass Schönberg seinem Kollegen Orff "ein Gräuel" war, lässt sich dabei so pauschal nicht behaupten von einem, der von Schönbergs Kammersymphonie einen Klavierauszug herstellte. Orffs Carmina Burana entsprechen laut Kater einer "spezifisch nationalsozialistischen Ästhetik und künden wie die vier Ehen von der Sexbesessenheit des Komponisten. Wem Kunst zu komplex ist, der schneidet sich die Künstler auf Klischeemaß zurecht.

Noch unmusikalischer wird es bei denen, die zu den good guys zählen. Über Arnold Schönbergs Hochschulfrust in den USA erfährt man viel, über die künstlerische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen wie in Ein Überlebender aus Warschau kaum etwas bis auf das – leider unkorrekte – Entstehungsjahr. Die Übersetzung geriet entsprechend grob. Mit "Chromatismus" ist vermutlich Chromatik gemeint, aber das ist eigentlich auch egal.