Schach
Zur 100-Jahr-Feier von Bayer 04 Leverkusen, also lange bevor die Mannschaft Real Madrid mit einer 3:0-Packung nach Hause schickte, fand Bundesinnenminister Otto Schily manch lobendes Wort für den Jubilar. Nur eines meinte der begeisterte Schachspieler beklagen zu müssen: das Fehlen einer Schachabteilung im Verein. Doch so wie Homer gelegentlich schlief, so kann sich auch ein Otto Schily schon einmal irren: Wie mir der bei Bayer arbeitende Chemiker und Schachhistoriker Michael Negele mitteilte, wurde die Schachabteilung 1909 ins Leben gerufen.
Damals schrieb ein gewisser Doktor Schmunk: »Schon mehr als zwei Jahre haben sich im Beamtenkasino der Farbenfabriken eine Reihe von Jüngern des königlichen Spiels zwanglos zusammengefunden, um … den Kampf auf den 64 Feldern zu pflegen. Der regelmäßige Besuch der Abende hat unter den Teilnehmern die Absicht entstehen lassen, noch weitere Schachfreunde zu gewinnen und das zwanglose Band in das feste Gefüge eines Schachvereins überzuführen.«
Der absolut stärkste Spieler der Schachabteilung von Bayer Leverkusen in den zwanziger Jahren war der Chemiker Wolski, nach einem Bericht aus jener Zeit ein Mann mit buschigem Haar und dreckigen Fingernägeln. Seine besondere Stärke sei die Analyse von Hängepartien gewesen, dafür opferte er gern ganze Nächte. Einmal hatte er bei einem Auswärtsturnier sein Taschenschach vergessen, jedoch zum Glück war sein Badezimmer in schwarz-weißen Quadraten gefliest. Einem anderen Teilnehmer erklärte er dort: »Wenn mein Turm seinen Läufer schlägt, und sein König meinen Turm, dann läuft mein Bauer durch.« Und während er sprach, schlug das Wasserglas das Taschenmesser, seine Armbanduhr nahm zurück und griff dabei einen kleinen Papierfetzen an, der einen Bauern symbolisierte. Marcel Duchamp, der die Verschrobenheit der Schachspieler so schätzte, hätte seine helle Freude gehabt.
In einem Jahr verteidigte Wolski bei der Vereinsmeisterschaft seinen Titel wegen Terminschwierigkeiten simultan an 20 Brettern erfolgreich mit 18:2 Punkten. Sehen Sie, wie er dabei als Weißer am Zug gegen einen gewissen Becker mit einer hübschen Opferkombination gewann, wobei er die prekäre Lage der schwarzen Dame ausnützte? Helmut Pfleger
Auflösung aus Nr. 46:
Mit welch schönem Zug erreichte Weiß ein strategisch gewonnenes Endspiel mit einem dem Läufer weit überlegenen Springer? Der Zug der Züge war 1.Sd4!! Wo Schwarz auch zugreift, er gerät in entscheidenden Nachteil – so folgt auf 1...Txh8 2.Txb4! mit Rückgewinn der Dame. Schwarz zog 1...Txb2 , aber nach 2.Dxb8! Txb8 3.Txb8 Kc7 4.Sxe6+ Kxb8 5.Sd4 war das Endspiel aussichtslos für ihn: Sein König klebt an der Verteidigung des Bauern c6, während die weißen Königsflügelbauern vorwärts stürmen
- Datum 11.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.11.2004 Nr.47
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