Klimawandel Tauwetter am NordpolSeite 2/2

Dass es so kommen wird, behauptet der ACIA-Bericht nicht. Klima entsteht aus dem komplexen Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren, von denen die meisten noch nicht einmal in ihrem Istzustand hinreichend bekannt sind. »Messtechnisch ist die Arktis bisher völlig unterbelichtet«, sagt die Ozeanografin Ursula Schauer, die am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut die Erforschung der arktischen Einflüsse auf das europäische Klima koordiniert und Teile des ACIA-Berichts begutachtet hat. Zwar stehen immer mehr Daten aus der Satellitenbeobachtung zur Verfügung, noch sind aber die Fehlerraten hoch. Messungen der Eisdicke sind zum Beispiel nur brauchbar, wenn sie punktuell mit Hubschraubern kontrolliert werden – und das ist teuer. Das Netz klassischer Wetterstationen ist von Kanada und Russland in den vergangenen Jahren nicht aus-, sondern abgebaut worden. »Uns fehlt ein Beobachtungssystem, das die Daten mit modernster Technik jederzeit online verfügbar macht«, sagt Schauer.

Um die entscheidenden Vergleichswerte aus der Vergangenheit steht es noch schlechter. Die wurden in der Arktis vor allem von sowjetischen Atom-U-Booten gesammelt und unterliegen militärischer Geheimhaltung. »In den ersten Jahren nach der Wende gab es Daten«, sagt Schauer, »inzwischen sind sie wieder unter Verschluss.« Auch Forschungsgenehmigungen seien für das russische Hoheitsgebiet kaum noch zu bekommen.

Klimatisch herrscht Tauwetter, politisch Eiszeit. Und das gilt nicht nur für Russland. Ursprünglich war die Veröffentlichung des ACIA-Berichts für Ende Oktober geplant – kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA. Doch dann wurde sie auf Mitte November verschoben, aus rein organisatorischen Gründen, wie die isländischen Gastgeber versichern. Unter den beteiligten Wissenschaftlern glaubt das aber kaum jemand. Hartnäckig hält sich bei ihnen das Gerücht, dem amerikanischen State Department habe die schlechte Nachricht vom drohenden Aussterben der Eisbären nicht ins Wahlkampfkonzept gepasst.

 
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