Ist es, um mit Brecht zu sprechen, an der Zeit, ein neues amerikanisches Volk zu wählen? Amerikas Liberale tragen normalerweise einen großen Enthusiasmus für das gemeine Volk zur Schau. Aber d er sentimentale Populismus musste am 2. November einen harten Schlag hinnehmen. Das Volk hat – mit knapper, aber entscheidender Mehrheit – für weitere vier Jahre Angst, Betrug und Gier ins Weiße Haus gewählt. Mit Ausnahme einer kleinen demokratischen Festung an den Great Lakes im Norden ist das innere Amerika von Idaho bis Alabama Gottes Ein-Parteien-Nation geworden. Nicht einmal Bruce Springsteen und 48 Nobelpreisträgern ist es letztlich gelungen, Ohio zu John Kerry hinüberzuziehen. Deshalb beansprucht Bush einen Wählerauftrag zum Umbau Amerikas für sich und seine Partei. "Ich habe in dieser Wahl einen Vorschuss erhalten", drohte er sogleich, "und beabsichtige jetzt, ihn auszugeben."

Tatsächlich wird er den Vereinigten Staaten durch seine Entscheidungen und Richterberufungen für mehr als eine Generation seinen Stempel aufdrücken. Die republikanische Kongressmehrheit kann es kaum erwarten, das, was noch an Wohlfahrts-Errungenschaften des New Deal übrig geblieben ist, endgültig platt zu walzen. Wie vorauszusehen war, herrschen an der demokratischen Ost- und Westküste Angst und Abscheu vor einer republikanischen Kulturrevolution. In San Francisco sieht man bereits Autoaufkleber, die eine Sezession fordern. Und viele befürchten einen Rückfall in die 1920er Jahre, als die marginalisierten Intellektuellen vor der Übermacht evangelikaler Reaktionäre ins Exil oder in die innere Emigration flohen.

Das bekannteste liberale Werk zum Verständnis des Wahldebakels ist Tom Franks Bestseller What’s the Matter with Kansas? ("Was ist mit Kansas los?"). Frank schreibt, dass die amerikanische Arbeiterklasse dazu neige, sich für "Werte" und damit gegen ihre materiellen Interessen zu entscheiden. Er nennt als Beispiel den bitterärmsten Teils von Kansas, in dem sich die Wähler in den Jahren 2000 und 2004 mit überwältigender Mehrheit für Bush entschieden. Franks Analyse wurde von Umfragen bestätigt, die zeigten, dass "moralische Werte" für Wechselwähler ein viel stärkeres Argument darstellten als geschlossene Fabriken oder der Krieg im Irak. Auch hatte Bushs Gehirn Karl Rove sichergestellt, dass der Verfassungszusatz, der die Heirat von Schwulen verbietet, in 11 Schlüsselstaaten, inklusive Ohio, zum Wahlkampfthema wurde. Kein anderes Thema war so geeignet, traditionell eingestellte Wähler einzuschwören, auch eigentlich demokratisch wählende Latinos und Schwarze. Und doch wäre es zu simpel, zu denken, dass zynische Politstrategen einfach nur die Knöpfe "Abtreibung" oder "Schwulenrechte" zu drücken brauchten, um die politischen Auswirkungen von Armut, dem Verlust der Arbeitsstelle oder ruinöser Krankheit aufzuheben.

Nehmen wir West Virginia. Auf den ersten Blick scheint der gebirgige kleine Staat eine noch bessere Untermauerung für Franks These zu liefern als Kansas. Kein anderer Staat hat eine dramatischere Rechtswende vollzogen. Als eine Bastion mächtiger Stahl- und Minenarbeiter-Gewerkschaften war West Virginia berühmt für seine anhaltende Loyalität gegenüber den Demokraten, die in den Wahlen von 1956, 1968 und 1988 ansonsten vernichtend geschlagen wurden. Dennoch verlor Kerry in West Virginia mit einem schockierenden Rückstand von 13 Prozent. Zweifellos hatten die Republikaner in den Hunderten von Kleinstadtkirchen, wo gläubige Einwohner immer noch den Teufel austreiben und sich über die Legalisierung von Sodomie sorgen, große Zuwächse zu verzeichnen.

Damit Franks Theorie vollständig zutrifft, hätten die Wähler in West Virginia (oder Kansas oder Ohio) jedoch überhaupt die Möglichkeit zur Wahl zwischen "Werten" und "Interessen", Kultur und Klasse, haben müssen. Gerade das Fehlen einer solchen Wahlmöglichkeit zeichnet jedoch die heutige amerikanische Politik aus. In West Virginia etwa hatten die örtlichen Demokraten so gut wie nichts zum Niedergang der Kohleindustrie in den Appalachen oder zu der Auslagerung von Fabrikarbeitsplätzen nach Mexiko oder China zu sagen.

Die große Leistung der Clinton-Ära war es, die Demokraten wieder als die Partei der New Economy und der High-Tech-Exporteure zu etablieren. Anstatt aber, wie von den Industriegewerkschaften gefordert, für das amerikanische Herzland ein wirtschaftliches Rettungspaket zu schnüren, setzte Clinton das Arbeitsplätze auslagernde Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) durch.

Kerrys Wahlkampf lehnte sich an dieses Erbe an. Das heißt, er führte Wahlkampf ohne überzeugende wirtschaftliche Aussagen und ernsthafte Vorschläge zur Verhinderung weiterer Arbeitsplatzverluste in der Industrie. Er versprach lediglich leichte Steuererleichterungen für Unternehmen, die Arbeitsplätze sicherten. Bush, auf der anderen Seite, hatte im Jahr 2001 die Stahlimporte zeitweilig mit Zoll belegt. Zweifellos handelte es sich nur um eine zynische Taktik, mit deren Hilfe Demokraten aus der Arbeiterschicht gewonnen werden sollten, aber sie funktionierte. Für die Leute von West Virginia hatte der Cowboy aus Texas den Mumm besessen, sich gegen die europäischen Wettbewerber zu behaupten, während Kerry wenig mehr als Aspirin für Krebs im Endstadium anzubieten hatte.