Er verbrachte sein mündiges Leben in ruhigen Zeiten. Die napoleonischen Kriege waren Vergangenheit; als die Schlacht von Waterloo endete und der Wiener Kongress tagte, 1815, zählte er noch keine elf Jahre. Unter politischen Pressionen hatte Württembergs Jugend, den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz, wenig zu leiden, bis König Wilhelm I. 1824 Metternichs Druck schließlich doch nachgeben musste und burschenschaftliche Umtriebe verfolgen ließ. Auch dies ging den Tübinger Studenten der Theologie Wilhelm Waiblinger wenig an. Den Burschenschaftern, die 1817 auf der Wartburg mit Bücherverbrennungen und antisemitischem Hallodri ihr sehr deutsches Fest gefeiert hatten, traute er außer Suff und Mummenschanz wenig zu. Er selbst, der später zum Inbegriff des rebellischen Jünglings stilisiert wurde, sich selbst stilisierte, konnte unbehelligt an seinen Gedichten, Dramen und Romanen arbeiten.

Gewiss, es war die Zeit der Restauration. Aber dieser Begriff erschließt die Alltagswirklichkeit eines Landes nicht, das bürgerliches Aufbegehren unter dem spätbarocken Dynasten Karl Eugen und dessen Nachfolgern ohnehin nur in den halblauten Gesprächen der Intellektuellen gekannt hatte. Jene, die mehr wollten, Erzrepublikaner und Demokraten wie Gotthold Stäudlin, Georg Kerner, Karl Friedrich Reinhard oder Friedrich Christoph Cotta, aber auch irenischere Geister wie der junge Hegel, gingen von selbst, andernfalls brachte man sie ums Brot.

In der Provinz, wo sonst in Deutschland, wird er geboren. Am 21. November 1804 kommt Wilhelm Waiblinger als Kind einer Pfarrerstochter und eines Subalternbeamten in Heilbronn zur Welt. 1806 zieht die Familie nach Stuttgart, 1817 nach Reutlingen um. Hier wird der Gymnasialrektor auf den Hochbegabten aufmerksam und führt ihn in die griechischen und römischen Klassiker ein; der 14-Jährige dankt mit eigenen poetischen Proben. Im November 1819 geht er als Hilfsschreiber ans Uracher Oberamtsgericht, doch findet er nebenan das niedere theologische Seminar und wird Gasthörer dort.

Ein halbes Jahr später kehrt Waiblinger nach Stuttgart zurück, wird Schüler des Oberen Gymnasiums und besticht mit Versen. Gustav Schwab fördert ihn, ebenso Friedrich von Matthisson; er sucht Kontakt zu Schauspielern und lernt die Zelebritäten der Residenz kennen, den Bildhauer Johann Heinrich Dannecker, die Sammler Melchior und Sulpiz Boisserée. Er ist noch keine 17, und man kennt schon seinen Namen.

"Ich suche etwas Großes darin, mich zu verwirren"

Aus welchen Tiefen der maßlose Zorn des Debütanten aufstieg, ist daher unklar. Er rieb sich nicht an der Epoche, oder doch höchstens an ihren erotischen Sanktionen, und man zollte seinen literarischen Versuchen Beifall. Mit sechzehneinhalb Jahren beginnt er ein Tagebuch, dessen erstem Kleinoktavband der Titel Hugo Thorwalds Lehrjahre vorangestellt ist. Das Pseudonym verrät sofort: Hier ist keine Agenda zu erwarten, auch keine intime Selbstrechenschaft, sondern vielmehr Selbstentfaltung und -präsentation nach literarischen Rollenmustern. Auf Öffentlichkeit angelegt ist das Diarium von Anfang an; ein Vorwort empfängt den "geehrten Leser", der Verfasser reicht es peu à peu unter Freunden und Förderern herum und wünscht es später im Druck zu sehen (der Verleger winkt ab).

Auftritt Waiblinger: Rabiat beansprucht der Teenager, der außer talentvollen poetischen Nachahmungen noch nichts vorzuweisen hat, als Genie wahrgenommen zu werden. Dabei erkennt er sein augenblickliches Ungenügen durchaus; wird es ihm jedoch vorgehalten, bricht er in einen wahren Furor aus. Therese Huber, die als Redakteurin von Cottas maßgeblichem Morgenblatt seinen Gedichten nicht sofort Platz macht, will er nie wieder etwas senden; als der verehrte Lehrer Gustav Schwab auf seine Manuskripte einmal mit – wie man annehmen darf: wohlwollend – spöttischen Sonetten reagiert, bricht er den Kontakt ab. (Und nimmt ihn kurz danach wieder auf.) "Jedes Lachen, das ich auf mich beziehen kann, macht mich wild", heißt es am 14.November 1822. "Ich will selbst nicht einen Goethe auf meine Kosten gelobt haben." Allerdings: "Er hat mehr getan als ich", räumt der knapp 18-Jährige ein und unterstreicht dann den Nachsatz: "Aber ich bin auch etwas."

Nur, was? "Ich muß mich verbreiten", lautet ein früher Eintrag, "allein ich kenn den Stoff noch nicht." Er kennt allerdings auch dieses "Ich" noch nicht, das sich verbreiten will, und so hinterlässt manches pathetische Ausprobieren den Eindruck der Pose. Das gilt etwa für das Motiv des Wahnsinns, das die Eintragungen anfangs durchzieht; jede Verwirrung, jeder Rauschzustand wird mit diesem Prädikat belegt. Ob er tatsächlich von psychischer Krankheit bedroht ist? Es wird nicht deutlich, ersichtlich bleibt nur, dass eine Selbstattacke mit dem Messer auf ohnmächtige Eifersucht zurückzuführen ist; überraschenderweise wird die Szene vor der Geliebten Philippine Heim noch am selben Tag im Tagebuch stilisiert, und später belegt eine Skizze, wie sehr es dem Zeichner dabei auf die theatralische Wirksamkeit ankommt. "Ich suche etwas Großes darin, mich zu verwirren", heißt es 1822, wenn auch in anderem Zusammenhang, und: "Ich muß glänzen können." Im Juni desselben Jahres: "Dem Ehrgeiz könnt’ ich alles, alles aufopfern. Schon der Gedanke, daß ich irgendwo glänzen, vor andern mich recht auszeichnen könne, beflügelt alle meine Geister so stark, daß ich wie in einem Meer von Empfindungen schwimme."