In Tankred Dorsts Schauspiel Merlin oder Das wüste Land sagt der Titelheld: Die Minuten und Stunden laufen im Kreis. Wir müssen nur warten, dann kommt die Zeit wieder vorbei.

Diese Erfahrung kann man machen im Theater von Tankred Dorst: Wir müssen nur warten, dann kommt die Zeit wieder vorbei. Der Dramatiker wird sie schon zurückbringen. Er ist der fleißigste Zweitverwerter und Wiederholer der deutschen Bühne. Über vielen Sterbeanzeigen steht der Satz Tot ist nur der, an den nicht mehr gedacht wird, und in diesem Sinn hebt Dorst Versunkene zurück ins Helle. Märchenfiguren wie den bösen Herrn Korbes der Brüder Grimm, Mythenfiguren wie Merlin und Artus, historische Gestalten wie Ernst Toller (Toller), Heinrich Heine (Harrys Kopf), Knut Hamsun (Eiszeit), wirkliche Menschen, die er zu Gestalten einer Bühnenfamiliensaga umschmelzt (Auf dem Chimborazo, Die Villa, Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie), und Monster, die aus aufgelesenen Gliedern zusammengenäht sind (der spanische Thronfolger Karlos aus Karlos, der leere Schauspieler aus Ich, Feuerbach, der unzerstörbare moderne Höhleninsasse Paul aus Herr Paul).

Dorst sieht sich als Vertreter des erweiterten Realismus, und das heißt: erweitert ins Jenseits und in die literarische Vergangenheit hinein. In einigen seiner Stücke ist die Grenze zwischen Leben und Tod völlig offen, nichts scheint vergangen, die Toten sind nicht wirklich tot. Und die Mythen regieren uns bis heute. Dorst hat sich nie als Originalgenie geriert, er ist ein Genie im Aufklauben von Resten und im Lesen uralter Spuren, die unter unseren eigenen Sohlen enden. Kein Erfinder, sondern ein zäher Bearbeiter, kein blitzhafter Schöpfer, sondern ein Dramatiker des Palimpsestes: Jede Dorst-Figur ist eine übermalte alte Gestalt, alle waren anders verhüllt schon mal da.

Begonnen hat er in München als Autor einer studentischen Puppentheaterbühne, und davon ist ihm der furchtlose Zugriff auf die Welt geblieben: Dorst streift seiner Schreibhand immer neue Figuren über und lässt sich von ihnen fortzerren ins Offene. Er erfüllt fremdes Leben mit dem eigenen Tastsinn und versucht, die Welt mit dem Blick der anderen zu beleuchten. Was er nicht kennt, darüber macht er ein Stück, was er nicht versteht, das schreibt er sich, im Verein mit seiner Lebensgefährtin Ursula Ehler, hell. So entstehen jedes Jahr neue Texte, die stets auf die eine oder andere Weise vom Scheitern einer Utopie handeln, 50 Stücke gibt es schon, 30 schweben noch ungeschrieben in Dorsts Kopf. Einen eigenen Stil hat dieser Mann nicht, aber ein ungeheures Reservoir an rasch geborgenem, eher vage bearbeitetem, willigem Spielmaterial, und das zog Regisseure von Zadek bis Wilson, von Palitzsch bis Dorn magisch an.

Seit Jahren interessiert sich auch Richard Wagners Enkel Wolfgang Wagner für Tankred Dorst, und nun hat der 85-Jährige Chef der Bayreuther Festspiele den bald 79-jährigen Dramatiker unter Vertrag genommen: Dorst, der kaum Regieerfahrung hat und noch nie eine Oper inszenierte, soll 2006 auf dem Grünen Hügel den Ring des Nibelungen machen. Ursprünglich wollte der Filmregisseur Lars von Trier (Dogville) den Ring inszenieren - er zog sich aber im Sommer zurück (Querelen mit Wagner? Angst vor dem Stoff?).

Wie kam Wolfgang Wagner auf Dorst? Es soll das Mythenspiel Merlin gewesen sein, das den Festspielchef für Dorst eingenommen hat: Es ist mit seinen vertriebenen und wiederkehrenden Göttern, kämpfenden Riesen und fürchterlichen Schlachten und seiner Gesamtspieldauer von 14 Stunden ein so grandioser Weltuntergangsentwurf wie Wagners Ring. Jedoch, der Merlin ist nie ganz und nie zufriedenstellend inszeniert worden, und auch Dorst hat das wahre Stück, als dessen Thema er das Vergehen der Zeit empfindet, wohl nur im Kopf und noch nie auf der Bühne gesehen. Nun soll er selbst Wagners Ring - nicht bearbeiten, was er sicher könnte, sondern inszenieren. Und das trauen ihm viele so gar nicht zu.

Dorst selbst indessen ist unverzagt. Er hat die Welt kennen gelernt, indem er über sie schrieb, und nun wird er wohl über Wagner das Entscheidende lernen, indem er ihn inszeniert. Dorsts hohler, nur unter Masken lebensfähiger und von Theaterstoffen ernährter Schauspieler Feuerbach (aus Ich, Feuerbach) weist in einem großen Monolog den Weg ins künstlerische Abenteuer: Man muss ganz und gar unwissend und sich selbst fremd werden! Und dann, mein Freund: die große Leere!