Kino Ein Bild von einer Frau
Agnès Jaoui ist Autorin, Filmregisseurin und Darstellerin. In ihrer wunderbaren Sittenkomödie »Schau mich an!« nimmt sie die Sucht nach Ruhm und Erfolg aufs Korn
Wahrscheinlich kommt sie gar nicht umhin, immer ein wenig wie auf der Leinwand zu wirken. Latent gereizt, aber höflich. Kurz angebunden, aber ehrlich. »Ich bin Schauspielerin geworden«, sagt Agnès Jaoui, »weil ich berühmt werden wollte, aber faul war.«
Jaoui ging auf Patrice Chéreaus legendäre Schule am Théâtre des Amandiers (»ein furchtbarer Sektiererverein«). Als die Angebote zu klein blieben für den Traum von der großen Karriere, fing sie eines Tages an, ihre eigenen Drehbücher zu schreiben: »Ich wollte mir die Rollen erfinden, die mir die Regisseure nicht gaben. So einfach ist das.«
Tatsächlich besitzt Agnès Jaoui genau die Einfachheit, die nur sehr komplizierte Leute verströmen. Menschen, die Schuldgefühle bekommen, weil sie einen Riesenerfolg haben und viel Geld verdienen. Menschen, die jeden Tag exakt vier Zigaretten rauchen, zwei Psychoanalysen hinter sich haben und gerade die nächste beginnen. »Wenigstens in dieser Hinsicht«, sagt Jaoui todernst, »habe ich noch eine Chance, Woody Allen nahe zu kommen.«
Als Autorin und Filmemacherin ist ihr etwas Wunderbares gelungen. Sie hat die französische Sittenkomödie mit schlagfertigen Spitzfindigkeiten und einem Röntgenblick auf menschliche Eitelkeiten und Schwächen wiederbelebt. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Jean-Pierre Bacri bringt Jaoui Dialoge von marivauxscher Leichtigkeit auf die Leinwand, konstruiert Intrigen, in denen sie wie nebenbei die Verlogenheiten ihrer Epoche aufspießt. Mit hingeworfenen Repliken zerbröselt sie ganze Weltbilder, legt mal mit ätzender Rhetorik, mal mit winzigen Sarkasmen die Trugbilder und Konventionen frei, an denen sich das soziale Leben gemeinhin entlanghangelt. »Eigentlich habe ich nichts gegen Konventionen«, sagt Jaoui, »schließlich braucht man sie, um sich überhaupt zu verständigen. Aber wenn sie das Leben nicht mehr erleichtern und zum Korsett werden, dann habe ich große Lust hineinzupiksen.«
Böse Pointen, die wie Handgranaten ins Establishment einschlagen
In ihrer zweiten Regiearbeit Schau mich an! hat sich Jaoui die Pariser Kulturschickeria vorgenommen, genauer: das literarische Milieu von Saint Germain des Près, »ein Biotop, in dem die Hochkultur des Abendlandes mit niedrigsten Instinkten, archaischen Konkurrenzgefühlen und Eifersüchteleien verschmilzt«. Im Mittelpunkt steht ein ewig übel gelauntes junges Mädchen (Marilou Berry), erdrückt von mindestens 15 Kilo Übergewicht und einem dominanten Schriftsteller- und Verlegervater. Lolita walzt wie ein wandelnder Vorwurf durchs Leben. Sie hat sich eingerichtet in der Fixierung auf den berühmten Papa. Und im Leiden daran. Zu sich selbst findet sie nur im Gesang, in der Musik, die sich wie ein milder Trost über all die gebeutelten, getriebenen Figuren dieses Films legt. Schau mich an! beginnt auf Deutsch – mit einem Schubert-Lied: »Du holde Kunst, ich danke dir dafür!«.
Lolitas Vater, den kleinen Diktator und Superschriftsteller Cassard spielt Jean-Pierre Bacri. Er spielt ihn als arrogantes und charmantes Arschloch, als geistreichen Egozentriker, der seine Umgebung nur als Spielzeug und Spiegel benutzt. Dieses faszinierende Monster ist immer für böse Pointen gut, die wie kleine Handgranaten in die Selbstgefälligkeit des literarischen Establishments einschlagen.
Seit 13 Jahren schreibt Agnès Jaoui ihre Drehbücher gemeinsam mit Bacri, in einer merkwürdigen Form der künstlerischen Osmose, die den beiden in der französischen Öffentlichkeit den Spitznamen Jabac einbrachte. Und natürlich schreiben die beiden immer auch ein bisschen über sich selbst. Sympathisch ist, dass sie sich dabei nicht unbedingt die glamourösesten Rollen verpassen. Als sie zusammen das Drehbuch für Alain Resnais’ Schlager-Musical On connait la chanson schrieben, sprang für Bacri die Figur eines arbeitslosen Geschäftsmannes heraus, der sich als Chauffeur verdingt, aber zu feige ist, dies seiner Frau zu sagen. Jaoui wiederum spielte in dem Film eine schwermütige Stadtführerin und verkrachte Akademikerin, die seit zehn Jahren an einer Doktorarbeit über den Landadel am Palabru-See im Jahre 1000 sitzt. So oder so erzählen die beiden immer von Leuten, die sich einen entscheidenden Fingerbreit neben den eigenen Träumen eingerichtet haben. Es geht um Menschen mit Selbstzweifeln, um Lebenskrisen und Neurosen, um die Macht der Vorurteile und um die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung – also irgendwie immer ums Ganze.
Im Original trägt Jaouis Film den Titel Comme une image. Im Französischen verwendet man den Ausdruck sage comme une image, um ein Mädchen zu loben, das sich brav und still verhält. Tatsächlich wirken die Frauen in Jaouis neuem Film ein wenig wie aufopferungsvolle Satelliten, die um männliche Gravitationszentren kreisen. Jaoui selbst spielt eine Gesangslehrerin, die eigene Ambitionen zurückstellt, um ihren Schriftsteller-Ehemann durchzufüttern. Lolita, die ewige Tochter, versucht verzweifelt, sich in die Wahrnehmung des geschäftigen Übervaters hineinzusingen, während ihre mädchenhafte Stiefmutter dem Schlankheitswahn verfallen ist.
Jenseits der imaginären und realen Konfektionsgrößen, der Bilder, die man sich macht und denen man entsprechen will, unterfüttert dieser Film sein Thema mit kleinen Monstrositäten, die den Alltag auf ähnlicher Ebene verpesten: unfreundliche Taxifahrer, zu enge Kleider, debile Kulturtalks, ölige Türsteher, die den Zugang zur hippen Party versperren, deren Einladung man gerade verloren hat.
Wir alle wären gerne reich, schön und berühmt
Es hat eine gewisse Ironie, dass Agnès Jaoui inzwischen selbst zum Milieu gehört, das sie beschreibt – spätestens seit ihr Regiedebüt Der Geschmack der anderen in Frankreich mehr als vier Millionen Zuschauer ins Kino zog, bei den Césars absahnte, für den Auslands-Oscar nominiert wurde und Jaoui zur mächtigsten Frau der französischen Kinobranche avancierte. »Der Erfolg«, sagt sie, »hat meine Beziehungen zu den Mitmenschen verändert. Man wird selbstgerechter und misstrauischer.« Ganz nebenbei betreibt ihr Film auch privaten Exorzismus, entwirft eine kleine Phänomenologie des Speichelleckertums, der Kratzfüßelei, des verlogenen Kompliments. In einer großartigen Szene erfährt die von Jaoui gespielte Gesangslehrerin, dass das verdruckste Pummelchen, dem sie seit Monaten Schubert einbläut, die Tochter des mächtigen Verlegers ist. Fast unmerklich verändern sich ihr Blick, ihre Stimme, die Intonation. Aus der distanzierten Lehrerin ist ein weiteres Mitglied des Hofstaats geworden. Dabei käme es Jaoui nie in den Sinn, sich über die vom Ruhm Geblendeten zu erheben. Schließlich lässt dieser Film keinen Zweifel daran, dass Macht und Prominenz ihren Reiz haben, dass wir alle gerne schön, reich und berühmt wären oder wenigstens zur Party eingeladen werden wollen.
Agnès Jaoui selbst fühlt sich auf ihrer eigenen Party offenbar noch nicht ganz wohl. Vor ein paar Monaten, während der Filmfestspiele von Cannes, wo Schau mich an! im Wettbewerb lief, musste auch sie den obligatorischen Gang über den roten Teppich absolvieren. Sie trug ein komisches Kleid im Stil der Spätsiebziger, war schlecht gelaunt und wirkte wie ein verstörter Maulwurf, den man plötzlich aus dem Winterschlaf ins Rampenlicht gezerrt hat. »Der Erfolg«, sagt sie, »verstärkt nur meine Komplexe.« Ihr nächster Film handelt übrigens von Schuldgefühlen.
- Datum 18.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.11.2004 Nr.48
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