Kino Ein Bild von einer FrauSeite 2/2

Im Original trägt Jaouis Film den Titel Comme une image. Im Französischen verwendet man den Ausdruck sage comme une image, um ein Mädchen zu loben, das sich brav und still verhält. Tatsächlich wirken die Frauen in Jaouis neuem Film ein wenig wie aufopferungsvolle Satelliten, die um männliche Gravitationszentren kreisen. Jaoui selbst spielt eine Gesangslehrerin, die eigene Ambitionen zurückstellt, um ihren Schriftsteller-Ehemann durchzufüttern. Lolita, die ewige Tochter, versucht verzweifelt, sich in die Wahrnehmung des geschäftigen Übervaters hineinzusingen, während ihre mädchenhafte Stiefmutter dem Schlankheitswahn verfallen ist.

Jenseits der imaginären und realen Konfektionsgrößen, der Bilder, die man sich macht und denen man entsprechen will, unterfüttert dieser Film sein Thema mit kleinen Monstrositäten, die den Alltag auf ähnlicher Ebene verpesten: unfreundliche Taxifahrer, zu enge Kleider, debile Kulturtalks, ölige Türsteher, die den Zugang zur hippen Party versperren, deren Einladung man gerade verloren hat.

Wir alle wären gerne reich, schön und berühmt

Es hat eine gewisse Ironie, dass Agnès Jaoui inzwischen selbst zum Milieu gehört, das sie beschreibt – spätestens seit ihr Regiedebüt Der Geschmack der anderen in Frankreich mehr als vier Millionen Zuschauer ins Kino zog, bei den Césars absahnte, für den Auslands-Oscar nominiert wurde und Jaoui zur mächtigsten Frau der französischen Kinobranche avancierte. »Der Erfolg«, sagt sie, »hat meine Beziehungen zu den Mitmenschen verändert. Man wird selbstgerechter und misstrauischer.« Ganz nebenbei betreibt ihr Film auch privaten Exorzismus, entwirft eine kleine Phänomenologie des Speichelleckertums, der Kratzfüßelei, des verlogenen Kompliments. In einer großartigen Szene erfährt die von Jaoui gespielte Gesangslehrerin, dass das verdruckste Pummelchen, dem sie seit Monaten Schubert einbläut, die Tochter des mächtigen Verlegers ist. Fast unmerklich verändern sich ihr Blick, ihre Stimme, die Intonation. Aus der distanzierten Lehrerin ist ein weiteres Mitglied des Hofstaats geworden. Dabei käme es Jaoui nie in den Sinn, sich über die vom Ruhm Geblendeten zu erheben. Schließlich lässt dieser Film keinen Zweifel daran, dass Macht und Prominenz ihren Reiz haben, dass wir alle gerne schön, reich und berühmt wären oder wenigstens zur Party eingeladen werden wollen.

Agnès Jaoui selbst fühlt sich auf ihrer eigenen Party offenbar noch nicht ganz wohl. Vor ein paar Monaten, während der Filmfestspiele von Cannes, wo Schau mich an! im Wettbewerb lief, musste auch sie den obligatorischen Gang über den roten Teppich absolvieren. Sie trug ein komisches Kleid im Stil der Spätsiebziger, war schlecht gelaunt und wirkte wie ein verstörter Maulwurf, den man plötzlich aus dem Winterschlaf ins Rampenlicht gezerrt hat. »Der Erfolg«, sagt sie, »verstärkt nur meine Komplexe.« Ihr nächster Film handelt übrigens von Schuldgefühlen.

 
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