Der junge Forscher zeigt auf den kahlen Betonflur, der in einen großen Raum mit metallenen Laborgeräten führt. "Hier haben wir früher kiloweise Pflanzen durchgeschleppt", lässt Fernando de Lima die Vergangenheit wieder aufleben. Ende der neunziger Jahre hat der Chemiker in Brasilien begeistert an einer wissenschaftlichen Jagd teilgenommen: Er wurde getrieben von der Vorstellung, dass im Regenwald Pflanzen wüchsen, die eine heilende Wirkung hätten und irgendwann Menschen überall auf der Welt helfen könnten. Deshalb hatte er bei dem Start-up-Unternehmen Extracta angeheuert.

Heute wirken die flachen Fertigbauten des Unternehmens auf dem Campus der Bundesuniversität von Rio de Janeiro verwaist. Der große Parkplatz ist leer, das Gras dörrt in der Sonne vor sich hin.

Vor rund drei Jahren hatte der Präsident ein überhastetes und wenig durchdachtes Dekret für den Umgang mit Wirkstoffen aus dem Regenwald erlassen. Die Folge: Die Schatzsuche wurde eingestellt, ausländische Unternehmen zogen sich zurück. Antonio Paes, emeritierter Professor für Biophysik und Physiologie, Gründer und Chef von Extracta, hat den Betrieb auf Sparflamme runterschalten müssen; von den 62 Mitarbeitern – sie bildeten ein hochklassiges Team aus Nachwuchswissenschaftlern und gestandenen Experten – wurden bis auf 13 alle entlassen.

Paes’ Durchhalten könnte sich gelohnt haben. Die neue staatliche Zulassungsbehörde, der Nationale Rat zur Verwaltung des Genetischen Vermögens (Cgen), hat Extracta nun eine Lizenz erteilt – zwei Jahre nachdem Paes den Antrag gestellt hatte. Damit ist das Unternehmen das Erste in Brasilien, das legal Bioprospektion betreiben darf. Auf ihm und möglichen Nachahmern ruhen große Hoffnungen: Die Regierung des Präsidenten Inácio "Lula" da Silva zählt die wirtschaftliche Nutzung der Artenvielfalt zu den wichtigen Industrien für künftiges Wachstum.

Unternehmer Paes will bis Ende des kommenden Jahres sein Unternehmen wieder aufgerüstet haben, weil er weiß, dass die Pharmaindustrie intensiv auf der Suche nach neuen Wirkstoffen ist. "Wir sind wieder mit Kunden im Gespräch", sagt er.

Unterdessen haben andere Länder den Zugang zu ihren Freiluftapotheken schon weiter geöffnet: In Costa Rica beispielsweise hat das staatlich geführte und im Wesentlichen mit privaten Mitteln finanzierte Nationale Institut für Biodiversität (INBio) umfangreiche Forschungsabkommen mit Pharmaunternehmen aus aller Welt, unter ihnen Merck & Co und Bristol-Myers, abgeschlossen. Und auch Panama und Singapur etablieren sich erfolgreich als Zentrum für Bioprospektion in den jeweiligen Regionen.

Für spektakuläre Ergebnisse ist es derzeit noch zu früh.

Auch deshalb sind Brasiliens Chancen groß, sich als begehrtes Reservoir für Biowirkstoffe zu etablieren. In keinem anderen Land der Welt wachsen so viele verschiedene Pflanzen wie in dem südamerikanischen Staat. Rund ein Viertel der auf der Welt bekannten Arten ist dort zu Hause. Nirgends auf dem Globus flattert, kriecht, hüpft, fliegt oder schlängelt sich so viel Getier durch das Grün wie im Amazonas-Urwald, und nur ein Bruchteil davon ist überhaupt erforscht. Zudem liefert Brasiliens Dschungel die Ärzte und Apotheker gleich mit: Die dort lebenden Indianer bedienen sich schon seit Jahrhunderten der Flora und Fauna und haben ein dementsprechend umfassendes medizinisches Wissen gesammelt.