ArbeitsmedizinArbeiten, bis der Arzt kommt

Keine Staublungen mehr, dafür Depressionen und Rückenschmerzen: Mit dem Wandel in der Arbeitswelt werden Betriebsärzte zu Gesundheitsmanagern von 

Arbeiten im Call-Center, das ist Malochen an vorderster Front der Dienstleistungsgesellschaft. Wie in der Legebatterie sitzen die "Agenten" im Großraumbüro – vor sich der Bildschirm, auf dem Kopf das Headset. Anrufe im Minutentakt. Immer recht freundlich, auch wenn sich die Kunden zuweilen in wüsten Beschimpfungen ergehen. Dazu rigide Zeitvorgaben, Schichtdienst, Wochenend- und Nachtarbeit. "Das ist, von positiven Beispielen abgesehen, eine brutale Ausbeutermaschine", sagt der Arbeitsmediziner Jürgen Kopske von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) in Berlin. Die Folgen für die Mitarbeiter können dramatisch sein: von Stress-Symptomen wie Gereiztheit, Schlaflosigkeit, sexuellen Störungen und Depressionen bis hin zu gravierenden psychosomatischen Erkrankungen.

Call-Center sind wohl das krasseste Beispiel dafür, wie sehr sich die Arbeitswelt gewandelt hat – und damit auch die Herausforderungen für die Arbeitsmedizin. Erst jüngst wurde daher die Muster-Weiterbildungsordnung zum Facharzt für Arbeitsmedizin novelliert. Die Arbeitsmediziner von heute müssen ganz andere Symptome im Auge haben als früher. Vielfach haben Maschinen schmutzige und gefährliche Arbeiten übernommen. Hinzu kommen strengere Gesetze und eine breitere betriebsärztliche Betreuung, sodass die klassischen Berufskrankheiten wie Staublunge, Asbestkrebs, Lärmschwerhörigkeit oder Bleivergiftung hierzulande selten geworden sind. Dafür nehmen, wie in den Call-Centern, die berufsbedingten psychischen und psychosomatischen Krankheiten rapide zu. Folge einer immer schneller getakteten, immer schwerer berechenbaren globalisierten Arbeitswelt. Mit einer Spritze oder einem Atemschutz ist es da nicht mehr getan. Der Arbeitsmediziner wird zum Seelendoktor.

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Auch Kenntnisse in Psychiatrie sind neuerdings gefragt

"Wir sehen in den Betrieben einen ungeheuren Druck", sagt Peter Angerer, Arbeitsmediziner am Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Kein Wunder, dass Rückenschmerzen, oft schlicht psychosomatisch bedingt, mittlerweile eine Volkskrankheit sind. Auch vom Burn-out-Syndrom sind deutlich mehr Menschen betroffen als früher, vor allem Lehrer. In den Katalog moderner Berufskrankheiten gehören auch die immer häufiger zu beobachtenden Allergien. Mit der dramatischen Alterung der Gesellschaft zeichnet sich ein weiteres Thema für die Arbeitsmedizin der Zukunft ab: Wie können ältere Mitarbeiter möglichst gesund im Arbeitsprozess gehalten werden? Wie müssen Arbeitsplätze aussehen, die für ältere Menschen geeignet sind? All das sind Fragen, die bei der Novellierung der Muster-Weiterbildungsverordnung eine Rolle gespielt haben. Wichtigste Änderung ist die Verlängerung der Weiterbildungsdauer von vier auf fünf Jahre. Auch die Anforderungen für die Zusatzqualifikation "Betriebsmedizin" (siehe Kasten) wurden erhöht. Eigentlich hatte die Bundesärztekammer die Zusatzqualifikation zugunsten des Facharztes ganz abschaffen wollen. Und wegen der veränderten Krankheitsbilder ist es jetzt auch möglich, sich eine Weiterbildung im Fach Psychiatrie anrechnen zu lassen.

"Viele Unternehmer fühlen sich von uns belästigt"

Den Bemühungen, die Arbeitsmedizin zukunftsfähig zu machen, steht ein Trend gegenüber, der vielen Arbeitsmedizinern Kopfschmerzen bereitet. "Immer mehr Arbeitgeber fragen, warum sie am Schreibtisch noch einen Betriebsarzt brauchen", klagt Hanns Wildgans, Arbeitsmediziner am Institut für Arbeits- und Sozialhygiene Stiftung (IAS) in München, einem der großen überbetrieblichen Dienste für Gesundheits- und Arbeitsschutz in Deutschland. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten werde auch die Kostenfrage immer wichtiger. "Es ist doch viel einfacher, etwa eine Motorenproduktion ins Ausland zu verlagern, als sich hier noch einen Arbeitsmediziner ans Bein zu hängen." Auch der Trend zu einer kurzfristigen wirtschaftlichen Betrachtungsweise konterkariere die Bemühungen der Arbeitsmedizin, die Gesundheit der Arbeitnehmer langfristig zu verbessern, sagt Wildgans. "Für vorbeugenden Gesundheitsschutz braucht man einen langen Atem."

Hans-Jürgen Bienick, Präsident der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, spricht von einem "großen Akzeptanzproblem", vor allem bei kleinen und mittleren Betrieben. "Viele Unternehmer fühlen sich von uns belästigt. Die meinen, ihre Mitarbeiter könnten doch genauso gut zu ihrem Hausarzt gehen." Der sei jedoch keine wirkliche Alternative zu einem guten Betriebsarzt. "Hausärzte kommen oft gar nicht auf den Gedanken, dass es sich bei einem bestimmten Krankheitsbild um eine Berufskrankheit handeln könnte."

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