Südamerikas Regierungen eint und entzweit eine Hoffnung. Die auf China. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao bereist gerade Brasilien, Argentinien und Chile – mit einer Delegation aus 500 Unternehmern und Parteifunktionären im Schlepptau und einem großen Versprechen im Gepäck: Insgesamt 100 Milliarden Dollar, so Hu vor dem brasilianischen Kongress, werde Peking innerhalb der nächsten zehn Jahre in Lateinamerika investieren. In welches Land das Kapital allerdings fließen soll, ließ der mächtige Mann aus Peking offen – mit der Folge, dass manch südamerikanischer Staatsmann bereits ins Träumen geriet und die Interessen seines Landes durchblicken ließ.

Zwanzig Milliarden Dollar würden die Chinesen allein in Argentinien investieren, ließ Argentiniens Präsident Néstor Kirchner schon vor zwei Wochen die lokale Presse wissen. Peinlich für den Argentinier: Die Chinesen dementierten prompt; derartige Erwartungen seien nicht sehr rational.

Gleichwohl ist eine engere Bindung zwischen dem rohstoffreichen Südamerika und dem rohstoffhungrigen China nicht ohne Charme für beide Seiten. Bei Soja, Zucker, Kupfer, Zink, Baumwolle oder Kaffee sind die Südamerikaner auf dem Weltmarkt führend – während die Chinesen von allem dringend mehr benötigen und über begehrtes Kapital verfügen.

Investitionen in Stahlfabriken und Häfen sichern Chinas Nachschub

Tatsächlich muss sich das Reich der Mitte seine Rohstoff- und Energiequellen sichern, um den Wachstumsmotor seiner 1,3 Milliarden Einwohner starken Volkswirtschaft in Gang zu halten. Schon jetzt steht die Volksrepublik für sieben Prozent des weltweiten Ölkonsums, ein Drittel des Verbrauchs an Kohle, ein Viertel des weltweiten Aluminium- und Stahlkonsums und 40 Prozent des Zementverbrauchs. Als Folge der schier unersättlichen Nachfrage sind die Weltmarktpreise für Rohstoffe in den vergangenen Jahren bereits enorm gestiegen – zum Nutzen Südamerikas, dessen Ausfuhren etwa zur Hälfte aus Rohstoffen bestehen. Laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (ECLAC) stiegen die lateinamerikanischen Exporte nach China allein 2003 um 72Prozent auf knapp elf Milliarden Dollar.

Nun will China nicht mehr nur importieren, sondern sich über Investitionen in den Herkunftsländern die direkte Kontrolle über die begehrten Ressourcen sichern. Einer Erhebung der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) zufolge wird China in wenigen Jahren hinter den USA und Japan weltweit auf den dritten Platz unter den ausländischen Direktinvestoren aufrücken. Während schnell wachsende chinesische Unternehmen wie der Elektronikkonzern Haier die USA und Kanada als neue Märkte zu erobern suchen, sollen Investitionen vor allem in Afrika und Lateinamerika den Bedarf an Rohstoffen sichern. "China ist zwar keine zentralisierte Wirtschaft mehr, aber die Regierung fördert bewusst Investitionen im Ausland", sagt Wang Qingyuan, Wirtschafts- und Handelsattaché der chinesischen Botschaft in Mexiko. An Kapital mangelt es dabei nicht. Nach Angaben der chinesischen Zentralbank betrugen die Devisenreserven der Volksrepublik im Juni rund 471 Milliarden Dollar.

Vor allem in Brasilien sind zahlreiche Projekte bereits unterschrieben oder in Vorbereitung. Im vergangenen Juni schloss der chinesische Stahlgigant Baosteel ein Joint Venture mit der brasilianischen Companhia Vale do Rio Doce zum Bau einer riesigen Stahlfabrik im Bundesstaat Maranhão im Norden Brasiliens. Im Mai eröffnete das halbstaatliche brasilianische Energieunternehmen Petrobras ein Büro in Peking, nachdem es mit der chinesischen Sinopec ein Kooperationsabkommen geschlossen hatte. Bei ihrem jetzigen Besuch in Brasilien versprachen die chinesischen Besucher der brasilianischen Regierung Investitionen in Höhe von etwa acht Milliarden Dollar, vor allem für Infrastrukturprojekte, um den Transport der Waren zu beschleunigen. Dabei geht es unter anderem um eine Modernisierung der Häfen und der Eisenbahn.

Auch in Argentinien stellten die Chinesen Investitionen in die Infrastruktur, genauer, ins Eisenbahnwesen, in Häfen und Straßen in Aussicht. Analysiert werden außerdem Kooperationsmöglichkeiten mit dem frisch gegründeten staatlichen Energieunternehmen Argentiniens, Enarsa.