Musik Hunger und Überdruss
Rapper Eminem hadert mit dem Ruhm. Wie lange wird man ihm die Wut noch glauben? In seinem jüngsten Werk liegen Sprechgesang und Erbrechen nah beieinander
Das mit der Nase ist nicht wirklich komisch. Die Nase gehört Michael Jackson, genauer gesagt: einem Jackson-Darsteller, dem im Video zu böse mitgespielt wird. Erst explodieren die Brüste einer Madonna-Imitatorin und setzen seine Perücke in Brand, dann trifft er Eminem, der sich auf sein Glitzerjackett übergibt. Schließlich fällt ihm beim Tanzen die Nase ab. Er versucht, sie aufzuheben, aber sie gerät unter die Füße der anderen Tänzer. Am Ende sitzt Jacksons Stellvertreter am Rande eines großen Betts, auf dem fröhliche Kinder hüpfen. Auf der Nase können sie ihm ja schlecht herumtanzen.
Dieser Song, der »kein Stich gegen Michael« sein soll, zeigt wieder einmal: Eminems Humor ist stets so zweischneidig, dass alle hinsehen müssen, besonders wenn es ekelig wird. Einerseits bedient er sich wohlfeiler Klischees. Andererseits tut er Dinge, die sich sonst niemand traut. Er bewegt sich auf Gemeinplätzen – und überschreitet doch ständig Grenzen. Vor allem die des so genannten guten Geschmacks. Und er teilt gegen alle und jeden aus. Es ist ihm egal, ob es gegen seine Familie, George W. Bush oder gegen sein Publikum geht. Dabei läuft Eminem nicht Amok, sondern nackt, wie im Video, wo grobe Pixel sein Gemächt bedecken. Nackt auf der Straße – ein böser Traum, schwankend zwischen Angst und Exhibitionismus. Der Rolling Stone prägte für ihn wortspielerisch den Begriff vom »Angsta« - Rap.
Du bist satt, sagt Eminems Blick, aber ich bin es nicht
Eminem, geboren als Marshall Bruce Mathers, hatte immer nur sich. Seine Initialen, »M and M«, wurden sein Künstlername. Er schmiss die Schule mit 17 und jobbte am Band oder im Supermarkt, während seine Mutter bedröhnt im Wohnwagen lag – mit Liebhabern, die so alt waren wie ihr Sohn. All das hat Eminem der Welt ausführlich dargelegt und damit den Medien eine Reality-Soap erster Güte beschert – die Klage seiner Mutter, die Schlammschlacht mit seiner Frau, deren Selbstmordversuch, Verhaftungen wegen Waffenbesitz. Während man in Europa noch über Container-Shows den Kopf schüttelte, schlachtete Eminem die eigene Vita aus. Eminem ist keiner dieser Rapper, die ihr geschwollenes Ego raushängen lassen und von Autos und Klunkern reden. Er hat es von ganz unten nach ganz oben geschafft, weil er zu seinen Schwächen, Fehlern, Peinlichkeiten steht. Bei ihm gibt es keine Pose. Sein Image ist identisch mit der natürlichen Person.
Du bist satt, sagt der starre Blick seiner graublauen Augen, aber ich bin hungrig. Eminem rappt sich stellvertretend für alle Underdogs dieser Welt den Dreck von der Seele. Ein blasser, verstockter Junge, der zweifelt, mit sich ringt, sich durchbeißt und dem britneyfizierten Mainstream einen vor Zorn zitternden Mittelfinger entgegenstreckt. Deshalb ist er einer der wenigen Weißen im Sprechgesang-Gewerbe, die von Schwarzen anerkannt werden. Gut 30 Jahre HipHop haben die Erkenntnis reifen lassen: Nicht Rasse zählt, sondern Klasse. Und die hat Eminem zweifellos. In dem biografisch angelehnten Film 8 Mile von Curtis Hanson spielte Kim Basinger seine Mutter. Und wer es vorher nicht wusste, lernte dabei: Der white trash hat es auch ganz schön schwer.
Während der durchschnittliche Republikaner Eminem mit Bin Laden gleichsetzt oder ihn für Schulmassaker verantwortlich macht, feiern Intellektuelle ihn als Lichtblick im restringierten öffentlichen Diskurs, verklären ihn lustvoll zum Brandmal der amerikanischen Gesellschaft. Kann man es als Popstar besser treffen?
Schon finden sich auch in Deutschland Rapper, die nach seinem Vorbild ihre Stimme erheben und den Kiez, aus dem sie kommen, zum Teil ihrer Strategie machen, wie etwa Sido aus Berlin. Wohnwagen in Detroit oder Wohnsilo im Märkischen Viertel, das ist kein so großer Unterschied. Aber wollen wir wirklich alles hören, was sich verklemmte Jungs in ihren bekifften Hirnen ausdenken, nachdem sie zu lange Pornos geguckt haben? Die Texte mögen authentisch sein, manchmal jedoch sind sie so interessant wie eine Liste mit Windows-Treiberdateien.
Auch Eminem quatscht uns mittlerweile einen ziemlichen Blumenkohl ans Ohr, wenn er sich in seinen atemlosen Tiraden hochschraubt. Er beschränkt sich auf seine Kernkompetenz – das Selbstreferenzielle. Alle wissen, wer Hailie ist (seine Tochter) und wer Kim (die bitch). Obwohl sie irgendwo in Detroit wohnen, leben sie in einem Publicity-Container mit Eminem.
- Datum 18.11.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.11.2004 Nr.48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







