Musik Hunger und ÜberdrussSeite 2/2

Dr Dre, Mentor und Produzent, ist das Geheimnis des Sounds von Eminem. Dre, der vor beinah 15 Jahren den Gangster-Rap erfand und die bösesten Rapper der Westküste coachte, waltet am Mischpult. Offenbar hat er gerade ein paar neue Sounddatenbanken mit Orchesterklängen auf den Studio-Computer geladen. Hier moduliert er seinen bekannten minimalistischen Beat, eine Nuance in Richtung Achtziger-Electro-Boogie. Meist kommt er mit drei, vier Elementen pro Song aus, und die Wucht seiner Arrangements lässt andere Meister des Simplen erblassen.

Am Ende muss das Publikum dran glauben

Die nervöse, vorwärts drängende Energie dieser Musik muss Eminems vegetatives System durcheinander gebracht haben. Jedenfalls ist er so fasziniert von seinen eigenen Hervorbringungen, dass er jeden Körperwind im Text protokolliert. Wie belanglos ist Popmusik, wenn einer, der seine Flatulenz für heilig hält, schon als Leuchte gilt? Schon aus 8 Mile wissen wir, dass der Junge einen nervösen Magen hat. Auf Encore erfahren wir nun mit entsprechender Hörspieluntermalung, was er sonst noch alles zum Kotzen findet. In Puke zum Beispiel geht es erst mal wieder gegen seine Exfrau. Sprechgesang und Erbrechen liegen nah beieinander.

»Vater vergib mir, denn ich weiß nicht, was ich tue«, lauten die ersten Worte des ersten Songs. Wir wissen, dass Eminem seinen Vater nicht kennt und auch den lieben Gott nicht um Verzeihung bittet. Man ahnt, dass er nun etwas besonders Abscheuliches plant. Diesmal – vielleicht ist auch das Teil seiner Authentiztät – hadert Eminem mit dem Leben als Star. Eine eher unfreiwillige Gemeinsamkeit mit Robbie Williams.

Aber Eminems Encore, zu Deutsch: »Zugabe«, besteht darin, am Ende der CD das Publikum niederzumetzeln und dann sich selbst die Kugel zu geben. Klar, ist alles metaphorisch gemeint, wissen wir. Im Rap ersetzen die Worte die Waffen. Und wenn ein Schwarzenegger im Kino alles umnietet, darf ein Rapper das erst recht. Sein Erfolg allerdings könnte irgendwann zum Problem werden. Wie lange wird er noch glaubhaft diese Wut verkaufen können? Wenn Stars mit dem Starsein hadern, ist das meist der Anfang vom Ende. Was ist man mit 30 Millionen verkaufter Platten anderes als Mainstream? Eine monströse Blähung wie Michael Jackson oder Madonna.

 
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