Falludscha ist von der US-Armee zu 90 Prozent eingenommen, oder sind es 70 Prozent oder gar nur 50? Von 17.000 Häusern sind 200 vollkommen zerstört, oder waren es 2.000? 1.000 Rebellen sind ums Leben gekommen, oder waren es 1.000 Zivilisten oder vielleicht 5.000?

Die Wahrheit ist, wir wissen das alles nicht mit Bestimmtheit. Wir wissen nur, was von dem US-Oberkommando und der irakischen Regierung behauptet wird. Und davon ist sehr wenig zu halten. Es war ja der Oberkommandierende der amerikanischen Armee, George W. Bush, der am 1. Mai 2003 das Ende der Kampfhandlungen verkündet hatte – und auf diese Siegesmeldung folgte im Irak ein Kampf nach dem anderen, einer heftiger als der andere. Falludscha ist nur der bisherige Höhepunkt des Krieges und der Propagandaschlacht. Trotzdem ist das Wissen um das Geschehene wesentlich, um die Bedeutung der Schlacht von Falludscha zu begreifen.

Was also lässt sich mit Bestimmtheit sagen?

Die US-Armee ist mit größter Härte gegen die arabisch-sunnitische Stadt vorgegangen. Sie hat 10.000 Soldaten eingesetzt, Panzer, Bomber, Kanonen und alles, was es sonst noch brauchte, um Falludscha in die Knie zu zwingen. Sie hat damit zeigen wollen, dass sie es ernst meint und dass sie bereit ist, jeden Widerstand zu brechen. Die Kommandeure wollten kein Risiko eingehen. Sie haben nach Beginn des Angriffs alle Männer zwischen 15 und 55 Jahren nicht mehr aus der Stadt gelassen. Wer trotzdem versuchte herauszukommen, den haben sie wieder in das Häusergewirr zurückgetrieben. Die US-Soldaten haben ebenfalls Hilfskonvois des Roten Halbmondes gestoppt mit dem Argument, dass sie schon selber Hilfsgüter an die Zivilisten liefern würden. Der irakische Premier Ijad Allawi hat diesem Vorgehen seine Rückendeckung gegeben, indem er ab einem bestimmten Zeitpunkt des Kampfes einfach sagte: "Es gibt keine Zivilisten mehr in Falludscha!" Wohin die 300.000 denn gegangen waren, das konnte er nicht erklären.

Allawi hat, wahrscheinlich unfreiwillig, eine ganz andere Wahrheit ausgesprochen: Der Krieg im Irak ist nicht mehr einzuhegen. Die Grenze zwischen Kämpfern und Zivilpersonen wird zunehmend verwischt. Das ist die Logik des Krieges, möchte man sagen, aber es ist zuerst mal die Logik einer Politik, die seit den Attentaten des 11. September 2001 nur mehr zwischen Freund und Feind unterscheidet – ein Dazwischen gibt es nicht mehr, so wie es für die Zivilisten in Falludscha kein Dazwischen mehr gab. Sie haben sich, um bei den Worten Allawis zu bleiben, einfach in Luft aufgelöst – oder auch: in Blut.

Aus Falludscha verschwunden ist allerdings der Terrorist und Kopfabschneider Abu Musab al-Sarqawi und mit ihm viele seiner Gefolgsleute. Das wissen wir, denn wäre er gefangen, hätte man ihn den Medien schön aufbereitet präsentiert, wie seinerzeit Saddam Hussein. Von dem hatte es geheißen, dass er hinter allen Gewaltakten gegen die Besatzer stünde. Wenn er gefasst sei, werde dieser Albtraum aufhören. Sie schnappten ihn, und alles wurde noch schlimmer.

Al-Sarqawi und seine Anhänger sind weg, um, wie das US-Kommando wissen ließ, "an einem anderen Tag den Kampf wieder aufzunehmen". Der Tag kam allerdings schnell. Noch während in Falludscha gekämpft wurde, brachten Aufständische Teile der drittgrößten Stadt des Iraks, Mossul, unter ihre Kontrolle. Sie lieferten sich außerdem Gefechte in Ramadi, in Bakuba, in Buhris und anderen kleineren und größeren Städten des Iraks.