irak GrenzenlosSeite 2/2

Auch geografisch scheint der Krieg nicht mehr eingrenzbar zu sein. Denn es ist zwar immer vom Widerstand im sunnitischen Dreieck die Rede, aber Mossul gehört nicht dazu, auch wenn dort Sunniten leben. Dem halten die Besatzer entgegen, dass Kämpfer aus Falludscha eben nach Mossul ausgewichen seien. Wie sie die rund 500 Kilometer nach Mossul in so kurzer Zeit zurücklegen konnten, wie sie es geschafft haben, zu Hunderten schwer bewaffnet unbemerkt dorthin zu gelangen – das bleibt ein Rätsel der US-Strategen.

Falludscha, das steht fest, sollte fallen, um den Irak zu befrieden. Nun scheint die Stadt erobert, aber der Frieden ist nicht gekommen, der Krieg hat sich stattdessen ausgebreitet. Falludscha sollte fallen, um endlich den Sunniten klarzumachen, dass sie gefälligst an dem von außen verordneten politischen Prozess teilzunehmen hätten. Das Resultat ist, dass sie nach dem massenhaften Tod ihrer Glaubensgenossen dazu noch weniger bereit sein werden. Glaubt denn jemand ernsthaft, dass man eine ganze Bevölkerungsgruppe an die Wahlurne bombardieren kann?

Man täusche sich nicht. Vergossenes Blut ist nicht einfach nur Anlass zur Trauer oder Gelegenheit zu wohlfeiler Empörung; vergossenes Blut verändert die politischen Voraussetzungen fundamental. Jede Militäroperation hat nämlich zur Folge, dass sich die ohnehin schon durch mehrere Kriege und jahrelanges Embargo erschöpfte irakische Gesellschaft weiter zersetzt – ja geradezu atomisiert. Und wer sollen dann die Verhandlungspartner für die Besatzer sein? Stammeschefs, Clanchefs, Oberhäupter mafioser Organisationen?

Krieg ist eine Brutalisierungsmaschine, die kaum zu stoppen ist – oder nur dann, wenn der Feind vernichtend geschlagen werden kann. Aber das ist nicht möglich, denn im Irak steht der Feind inzwischen an allen Ecken. Kaum soll er getroffen werden, verschwindet er wieder, um woanders aufzutauchen. Es ist ein endloses, grausames Spiel, bei dem Besatzer wie Besetzte mehr und mehr die Züge ihres Hasses erkennen lassen. Nur so kann man die Erschießung eines wehrlosen, verwundeten Irakers in Falludscha durch einen US–Marine erklären.

 
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