Es war genau ein Jahr vor 1984, und sie hatten Angst vor den Computern. Fürchteten, »total erfasst und verdatet« zu werden. Zur Ware zu werden in einem Daten-»Supermarkt«, in dem sich Behörden »nach Lust und Laune bedienen können«. Die Deutschen kannten George Orwells Visionen, und viele sahen die Volkszählung als ersten Schritt auf dem Weg in den Überwachungsstaat. »Pinkelst Du im Freien oder hast Du ein Klo?«, wolle der Staat wissen, schrieb die linke tageszeitung. »Duschst Du Dich?«

Die Bundesbürger fürchteten die Bundesrepublik – sie hätten sich besser vor sich selbst gefürchtet. Denn zwei Jahrzehnte später haben sie viel mehr von sich preisgegeben, als die Volkszähler je wissen wollten, ohne dass der Staat sie gezwungen hätte.

Die Firma Bürgel aus Köln weiß, wo »Ehefrauen von Top-Entscheidern« und »Senioren mit Top-Kaufkraft« wohnen.

Hans Bayartz aus Germersheim bietet »Mütter und Väter in der Schwangerschaft«, »Familien mit Babys« oder solche »mit pubertierenden Jugendlichen«. Wer an sie heranwill, muss nur anrufen.

Die Firma Schober aus Ditzingen bei Stuttgart kennt sogar 23 Haushalte in Hamburg, die monatlich mehr als 3800 Euro netto zur Verfügung haben und in denen mindestens ein Mitglied unter Gewichtsproblemen oder Bluthochdruck leidet und Marlboro oder Gauloises raucht. Die Adressen kosten 43 Cent pro Stück.

Kaum ein Verbraucher, der nicht die Hüllen hätte fallen lassen. Mal auf ausdrückliches Verlangen der Unternehmen, oft aber aus eigener Initiative: Beinahe vier Millionen Haushalte haben einen Fragebogen von Schober ausgefüllt, mehr als 50 Prozent der Deutschen über 16 Jahre besitzen eine Kundenkarte, im Internet surfen 34 Millionen, von denen 22 Millionen dort auch einkaufen. Fast jeder telefoniert mit einem Handy und besitzt eine EC- oder Kreditkarte. Und wenn der Konsument surft, kauft, Rabattpunkte sammelt oder einfach nur eine Versicherung beantragt, hinterlässt er Spuren, die sorgfältig gespeichert werden. Unternehmen halten heutzutage jede Regung ihrer Kunden für wertvoll, weil sie überzeugt sind, darin künftige Chancen zu entdecken. Und Risken, die es zu vermeiden gilt.

»Wir werden kategorisiert und einsortiert«, sagt Rena Tangens vom Datenschutzverein Foebud aus Bielefeld und spricht von »automatisierten Vorurteilssystemen«, die im ganzen Land entstanden seien. Informationen, die die Deutschen an einer Stelle geben, tauchen an anderer Stelle wieder auf und werden oft sogar gegen sie verwendet. »Wir gewöhnen uns ganz langsam daran. Freiheit bedeutet heute kontrollierte Freiheit«, sagt die Philosophin Beate Rössler.