Philosophie Der widerwillige Meister

Jürgen Habermas hat den Kyoto-Preis erhalten und zum kaiserlichen Festakt eine einzigartige Einführung in sein Gesamtwerk geliefert

Bitte, reden Sie von sich«, hatte Kazuo Inamori den Philosophen Jürgen Habermas vor der Verleihung des Kyoto-Preises gebeten. Inamori ist Gründer des Konzernriesen Kyocera und der nach ihm benannten Stiftung, die jedes Jahr den mit umgerechnet 340000 Euro dotierten Preis für Kunst und Philosophie vergibt. Aufgrund seiner breit gestreuten Jury genießt der Preis trotz seiner verdächtigen Konzernnähe in Wissenschaftskreisen hohes Ansehen. Ablehnen war also unnötig. Dafür aber sollte Habermas nun die selbst verortete »Hemmschwelle des Privaten« überschreiten. Er musste, was er noch nie zuvor getan hatte: öffentlich über sich reden.

Mit gutem Grund fehlte in seinem Werk bisher jede Spur des Autobiografischen. »Das Leben von Philosophen ist arm an äußeren Ereignissen. Je weniger originell unsere Gedanken sind, umso mehr bleiben sie dem Kontext ihrer Entstehung verhaftet.« Habermas’ Rede in Kyoto änderte das. Zum ersten Mal stellte er sich als Person vor, und zum ersten Mal spiegelte er seine Philosophie in einer Lebensgeschichte.

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Habermas sprach über das Trauma seiner Gaumenoperationen während der frühen Kindheit; er erzählte von seiner »Sprachbehinderung«, den damit empfundenen »Kränkungen«, von seinem »Gefühl von Abhängigkeit und Verletzbarkeit«. Er erinnerte sich an die »mehr oder weniger harmlosen Diskriminierungen« inmitten eines »als halbwegs normal durchlebten Alltags« der Nazi-Zeit. »Die Zäsur von 1945«, so Habermas, habe er in einem »moralisch empfindlichen Alter« erlebt; rückblickend wird ihm der »Zivilisationsbruch« des deutschen Faschismus bewusst. Dem folgt ein »ungläubiges Entsetzen« über die Verleugnung der nationalsozialistischen Verbrechen in der Nachkriegszeit, allen voran bei dem »NS-Philosophen« Martin Heidegger. Bald darauf treibt ihn die Angst vor einem politischen Rückfall zu einem bis heute andauernden Engagement als Wissenschaftler und Intellektueller. Eine »Obsession« nennt Habermas das, und nur er kann sich diesen Ausdruck erlauben.

Doch die Kyotoer Rede erzählt mehr als eine Lebensgeschichte. Sie versteht sich zugleich als Einführung in das philosophische Werk. Habermas erinnerte an seine Leitmotive und ihre Beziehung zu einzelnen Lebensphasen. Aus der »Brüchigkeit und moralischen Schutzbedürftigkeit«, die seine frühe Kindheit prägte, auch aus der »fehlschlagenden Kommunikation« seiner Schulzeit gewinnt er die Überzeugung: »Wir Menschen lernen ›voneinander‹. Werden wir uns nicht erst in den Blicken, die ein Anderer auf uns wirft, unserer selbst bewusst?« Als würde er sich dabei selbst über seine eingängige Ausdrucksweise wundern, macht der Redner Halt und wiederholt: »Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft.«

Dem Träger des Kyoto-Preises musste klar sein, was der greise Großindustrielle Inamori von ihm verlangte: Quintessenzen, Klugheitslehren und Lebensweisheiten. Grundidee seiner Stiftung ist es nämlich, die intellektuellen Meister von heute zu küren, damit der Jugend die Vorbilder nicht ausgehen. Wie suspekt ihm diese Form des Denkens ist, ließ Habermas in dem Leitsatz an die Jugend erkennen, den er als Kyoto-Preisträger formulieren sollte: »Vergleiche dich nie mit einem Genie, aber trachte immer danach, das Werk eines Genies zu kritisieren.«

So verspürte Habermas keinerlei Interesse, sich auf Altersweise zu spezialisieren. An der Northwestern-Universität von Chicago, wo er die letzten zwei Monate verbrachte, hat er nach der Wiederwahl von George W. Bush einen kämpferischen Vortrag gehalten: gegen die »Ideologisierung der Massen«, für das »Kantische Projekt einer weltbürgerlichen Ordnung«. Seine politische Botschaft, das stellte Habermas auch in Kyoto klar, habe sich nach der US-Wahl nicht verändert: »Die Welt wird als Folge der demokratischen Entscheidung Amerikas unsicherer werden. Auch wenn wir es nicht mögen, müssen wir damit umgehen.«

Nicht weniger deutlich griff er in Kyoto die von Hirnforschern angestrengte Debatte über Willensfreiheit auf. »Man fühlt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt«, meinte Habermas und kritisierte damit diejenigen, die mit den neuen Ergebnissen aus der Hirnforschung das Primat der darwinistischen Evolutionstheorie belegen wollen.

 
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