konjunktur Wie kommt der Karren aus dem Dreck?

Der Export schlingert, die Konsumenten sparen – doch die Mehrheit des Sachverständigenrates will weiter Lohnkosten senken

Eine tolle Woche! Siemens-Chef Heinrich v. Pierer verabschiedet sich mit einem Rekordgewinn seines Konzerns in den Aufsichtsrat. Die Deutsche Telekom kündigt erstmals nach drei Jahren wieder eine Dividende an. MAN, E.on, BASF, Rheinmetall, Linde legen glänzende Quartalsergebnisse vor. Lufthansa und Tui steigern ihre Gewinne. titelt das Postwendend setzt der Dax zum Höhenflug an.

Eine Woche zum Verzweifeln! Einen »Einbruch der Konjunkturerwartungen« meldet das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), nachdem sein monatlicher Indikator auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2003 abgestürzt ist. Das Statistische Bundesamt legt mit der Hiobsbotschaft nach, die deutsche Wirtschaft stecke wieder in der Stagnation. Die Exporte, einzige Stütze der deutschen Konjunktur, schrumpfen. Und dann klettert auch noch der Euro über 1,30 Dollar und wird damit so teuer wie nie zuvor.

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Was denn nun? Floriert die deutsche Wirtschaft? Oder geht es mit der Konjunktur, kaum hat sie sich gefangen, schon wieder bergab?

Zwar florieren viele Unternehmen, nicht aber die Volkswirtschaft. In Bezug auf das laufende Jahr haben die Forschungsinstitute ihren sommerlichen Optimismus gerade wieder aufgegeben. Und für das kommende Jahr sieht der Sachverständigenrat nun schwarz: Nur noch um 1,4 Prozent werde die Wirtschaft 2005 wachsen – 0,3 Punkte weniger, als die Regierung erwartet. Die Experten der Westdeutschen Landesbank formulieren den Trend so: »Die Konjunkturerholung in Deutschland hat bereits wieder an Schwung verloren, ehe sie sich überhaupt hat richtig entfalten können.« Zwei Faktoren sind dafür verantwortlich: der billige Dollar, der Exporte teuer macht, und die anhaltend schwache Konsumlust der Verbraucher.

Der Dollar verliert seit Mitte Oktober gegenüber allen wichtigen Währungen an Wert, und nichts spricht für eine rasche Kehrtwende. Die Rekorddefizite in Staatshaushalt und Leistungsbilanz der USA drücken auf die Währung. Der amerikanische Staat produziert dieses Jahr eine Schuldenlücke von rund 520 Milliarden Dollar. Das sind 4,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt – deutlich mehr, als etwa der Stabilitätspakt für den Euro zulässt. Der Fehlbetrag der Leistungsbilanz, eine Konsequenz der hohen Kauflust in Amerika bei geringen Exporten, macht gar 5,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das werten die Devisenhändler als Schwäche, und die Wiederwahl von Präsident George W. Bush sowie die republikanische Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses lassen nicht erwarten, dass die bequeme Defizitpolitik aufgegeben wird.

Das Horrorszenario: Asiatische Zentralbanker drehen den Geldhahn zu

Der sonst so zurückhaltende Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet ließ sich zu der Aussage hinreißen, der aktuelle Dollarkurs sei »brutal«. Doch die Amerikaner stört das nicht. Solange der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz durch die Dollarkäufe asiatischer Zentralbanken mühelos finanziert wird, kommt ihnen eine rigorosere Politik überflüssig vor. Doch kauften die großzügigen Finanziers eines Tages lieber den starken Euro als den schwachen Dollar, dann drohte der amerikanischen Währung doch noch ein veritabler Absturz. Allein die Angst davor macht sie schwach – und wird sie wohl noch schwächer machen. Seriöse Ökonomen wie der Amerikaner Fred Bergsten peilen bereits einen Euro-Preis von über zwei Dollar an.

Das wäre Gift für die deutsche Konjunktur und ihren einzigen Antrieb: den Export. Noch gibt es keinen Grund zur Panik. Solange die globale Wirtschaft kräftig wächst, werden deutsche Produkte in aller Welt gefragt sein. Solange die Exportindustrie durch Erfindungsgeist, Qualität und Service besticht, kann sie auch höhere Preise verlangen. Doch wenn der Dollar und damit amerikanische Produkte immer billiger werden, geht diese Rechnung irgendwann nicht mehr auf.

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