Der Komponist Hans Werner Henze mit seiner illustren Bachstelze, lieben Eiche, liebsten Wildente

Alles begann mit einem Joke: 1952, bei einer Tagung der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch, stellt sich die 26-jährige Ingeborg Bachmann dem gleichaltrigen Komponisten Hans Werner Henze als »Heimatschriftstellerin« vor, die nur als »Beobachterin« anwesend sei und die »Asphaltliteratur« verabscheue. Als Henze sie tags darauf ihre Gedichte vortragen hört, weicht seine Irritation purem Entzücken. Wenige Wochen später lädt er Ingeborg Bachmann bereits zu gemeinsamen Italien-Ferien ein und wirbt fortan heftig nicht nur um ihre Freundschaft, sondern auch um ihre Mitarbeit an künftigen Projekten. Diesen Doppelanspruch wird er bis zuletzt an ihre Freundschaft stellen und sich nicht selten darüber grämen, dass sie sich intensiver ihren Krisen als ihrer Arbeit hingibt.

Noch bevor Ingeborg Bachmann ihn im August 1953 erstmals auf der Insel Ischia besucht, verkündet Henze ihr brieflich sein »Credo« , das dann fast 20 Jahre lang gebetsmühlenartig in seinen Briefen wiederkehren wird: Nichts anderes zähle als die künstlerische Arbeit, nur sie habe die Macht, Gefühlschaos und verfehltes Leben in die Wahrheit einer höheren Ordnung zu überführen. Was Hofmannsthal für Richard Strauß war, das soll Ingeborg Bachmann für ihn werden. Sie ist es schließlich auch geworden, wenngleich sie auf ihrem Weg von der Ballettpantomime Der Idiot, für die sie noch 1953 den – in ihren ersten Gedichtband Die gestundete Zeit mit aufgenommenen – Monolog des Fürsten Myschkin schrieb, bis zu den luziden Libretti für Henzes Opern Prinz von Homburg und Der junge Lord zumeist »Schildkrötenverhalten« an den Tag legte (so umschrieb es Henze, der oft schon ohne ihre Textvorlage »vorauskomponiert« hatte). Umgekehrt erschien ihr der Freund in seinem ungebremsten Produktionsfuror manchmal, was sie ihm nicht verschwieg, als »Monster«.

Eine Königstochter, die nicht erkannt worden ist

Wie anziehend dieses Monster in den tristen fünfziger Jahren, als die Gruppe 47 noch »Kahlschlag« propagierte, auf sie gewirkt haben muss, ahnt man bei der Lektüre ihrer frühen Briefe. Nicht nur zeichneten diesen eleganten und höflichen Jüngling Grazie, Noblesse, Witz, Enthusiasmus, kindlicher Übermut und außergewöhnliche ästhetische Sensibilität aus, sondern er war das, was Ingeborg Bachmann einmal selbst hatte werden wollen: Musiker, noch dazu einer, den schon jener gewisse Glanz der großen Welt umgab, gegen den Ingeborg Bachmann nie gefeit war, obwohl sie ihn selbst ausstrahlte; Max Frisch hat in Montauk diesen Glanz als den einer – »Königstochter, die nicht erkannt worden ist« apostrophiert. Dass der Musiker Henze darüber hinaus ebenso sprach- wie weltverliebt war und früh aus dem Zwölfton-Korsett und aus Adenauer-Deutschland ausgebrochen war, um sich in Italien, ihrem »erstgeborenen Land«, komponierend zur Cantabilität einer »verbotenen Schönheit« zu bekennen, dies alles musste eine schönheitstrunkene Ingeborg Bachmann in Bann schlagen.

Bald schon entstand zwischen beiden der Plan des Zusammenlebens. Doch als Henze dann eine gemeinsame Wohnung in Neapel gefunden hatte, stand diese die meiste Zeit leer, weil entweder ihn seine Arbeit oder sie ihre Unrast aus dem Haus und beide auseinander trieben. Ein Umstand, dem wir freilich viele betörend schöne Briefe, vor allem Henzes, verdanken, der immer der Werbende blieb und weit häufiger schrieb als sie (von der zudem viele Briefe verloren gingen oder nur als Entwürfe existieren). Von Henzes Adorationslust zeugt schon die schier unerschöpfliche Ausdrucksvielfalt seiner Brief-Anreden: illustre Bachstelze, liebe Eiche, liebste Wildente, liebe Nachtigall, liebe Sapphetta, mein kleiner armer Engel, meine Elsa, lieblichste Doktorin, allerliebste Zerbinetta, illustre Jahrhundert-Närrin, liebster Irrwisch, Adorabilissima, meine Begnadete, meine liebe arme kleine Allergrößte …

Wenn Henze allerdings die Freundin auch als »meine brave kleine gute Schwester« oder als »meine angebetete Tochter« anspricht, entrückt er sie in jene platonische Distanz, die ihm die sexuelle Differenz – seine Homosexualität – gebot. Diese hinderte ihn jedoch nicht daran, Ingeborg Bachmann mindestens zweimal die Ehe anzutragen, und sie bewahrte sie nicht vor dem Schmerz über seine jeweilige Zurücknahme dieser Anträge. Lange muss ihr, die das Schönste aller Gedichte an einen Bruder geschrieben hat, das geschwisterliche Zusammenleben als Versprechen eines angstfreien Raums vorgeschwebt haben, als Gegenwelt zu jenem »Feindesland« oder »dunklen Erdteil« der Liebe, wo mit Lust gefoltert wird.

Im Wüstenbuch aus ihrem Todesarten- Projekt , in dem Liebe und Mord als Synonyme erscheinen, wird sie viel später schreiben: »Die Männer, die nur Frauen begehren, sind geschlagen, die potentiell Unsicheren, die potentiellen Verbrecher. Es sind die Männer, die Angst machen.« Dass Ingeborg Bachmann von diesen Angstmachern zugleich masochistisch angezogen wurde, erfüllte wiederum den Mann an ihrer Seite, der nur Männer begehrte, mit Angst, verband er damit doch nicht nur ein Gefühl der Ausgrenzung, sondern auch der Bedrohung jener »WOHNSTÄTTE DER SEELE, die von niemandem besetzt werden darf, und das ist die Arbeit«.

Sehr lange konnte Henze Ingeborg Bachmann nicht vor patriarchalischer Gewalt und vor sich selbst schützen. Spätestens im Juli 1958, als sie, mit Max Frisch, wieder auf die Walstatt des Geschlechterkrieges wechselte, wo es nie Sieger, sondern nur Besiegte gibt, begann für sie jenes Verhängnis, das sie psychisch wie physisch allmählich zerstörte und für das sie bis zu ihrem Verbrennungstod eine Sprache zu finden suchte, dabei aber zunehmend ins Stammeln geriet und ihres poetischen Ingeniums fast verlustig ging.