Briefe »Meine liebe arme kleine Allergrößte«Seite 3/3
Irgendwann überredet sie ihn dann zur Wahlhilfe für Willy Brandt, dessen Wahlchancen in Westdeutschland ausgerechnet wegen seiner antifaschistischen Vergangenheit gemindert werden, und auch zur Unterschrift zum Springer-Boykott. Es beginnt beider zunächst eher rührende Abweichung in die Politik, die ihn ab den sechziger Jahren immer mehr dominiert, während sie, von der Phraseologie jeder politischen Sprache abgestoßen, sich bald weigert, »sich eine Gesinnung anzuziehen«, und den Freund ein bisschen belächelt und bedauert, der ausgerechnet nach Kuba pilgert, um sich dort »von allen Sünden zu reinigen«. Dass Ingeborg Bachmann ihre Freunde zwanghaft voneinander fern hielt, was vor allem Max Frisch verbitterte, belegt auch dieser Briefwechsel, in dem nicht ein einziges Mal der Name Paul Celan fällt. Dabei wissen wir heute, dass Celan, mit dem sie noch bis 1958 eine Liebesbeziehung verband, bis zuletzt das Zentrum ihres Fühlens und Denkens bildete und ihr ganzes Werk mit dem Celans mittels unzähliger biografischer wie poetischer Anspielungen korrespondiert, sodass sich sagen ließe, dass die wichtigste Korrespondenz ihres Lebens die zwischen seinem und ihrem Werk darstelle. Das mindert nicht im Geringsten den Wert ihres Briefwechsels mit H.W. Henze, in dem man dieser Frau, der auf Erden nicht zu helfen war, so nahe kommt wie nie zuvor und dabei zugleich stets die ungeheure Entfernung ermisst, die uns von ihr trennt.
Briefe einer FreundschaftBriefeBelletristikHrsg. von Hans Höller; mit einem Vorwort von H.W. HenzeIngeborg Bachmann/Hans Werner HenzeBuchPiper Verlag2004München24,90538- Datum 24.08.2008 - 16:28 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.11.2004 Nr.48
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