A N T A N Z E N Einen Schritt weiter
Der Tänzer Vladimir Malakhov wird von Kritikern als der zweite Nurejew gefeiert. Seit drei Monaten ist er Chef des neuen Berliner Staatsballetts – und quält sich wie nie zuvor
Ballettintendant Vladimir Malakhov wirkt abwesend, sein Blick ist nach innen gerichtet. Unter den Augen liegen dunkle Halbmonde. Sein schmaler Körper wird von einem geringelten Strickanzug umhüllt, die Füße stecken in lilafarbenen Kunststoffstiefeln, die aussehen wie Moonboots. Er fröstelt. Es ist halb elf, Morgentraining an der Staatsoper in Berlin-Mitte. 50 Tänzer schweigen, gähnen, frieren. Intendant Malakhov liegt am Boden auf der Seite und zieht seinen Unterschenkel mit den Händen zum Kopf. Er lächelt, grüßt, scherzt. Wenn keiner hinsieht, drückt die Müdigkeit seine Augenlider nieder. Schließlich setzt Klaviermusik ein. Malakhov stellt sich an die Stange in Position, reckt den Kopf in die Höhe, drückt den Brustkorb heraus, die Fußspitzen zeigen nach außen. Der Intendant scheint erschöpft. Einmal bittet er seine Tänzer leise, etwas weiter zusammenzurücken, damit mehr Platz für die Sprünge bleibt. Er springt dann höher und weiter als alle anderen.
Kritiker nennen Malakhov »den besten Tänzer der Welt«, die New York Times pries jeden seiner Auftritte »als Offenbarung«. Nun ist er seit drei Monaten Chef einer neu gegründeten Compagnie, des Staatsballetts Berlin.
Das Staatsballett, das sind 93 Tänzer, erwählt aus den drei aufgelösten Ensembles der Berliner Opernhäuser. Noch ist es ein fragiles Gebilde, misstrauisch beäugt von Kennern, Kollegen, Kulturpolitikern und geführt von einem bekannten Tänzer. Malakhov weiß, die Frage, die immer Hintergrund wartet, ist: Kann er ein erfolgreiches Ballettensemble in Berlin schaffen?
Im Saal erscheint Maurice Béjart, der berühmte französische Choreograf. Er setzt sich am Rand auf einen Stuhl und verschränkt die Arme vor seiner Brust. Die Tänzer beobachten ihn aus den Augenwinkeln. Energie im Blick, jetzt. Béjart ist klein, hat die dunklen Haare nach hinten gekämmt, tiefe Falten teilen seine Wangen, eindringlich mustert er die Tänzer. Ein wenig erinnert er an einen Raubvogel, der auf Beute sinnt. Das neue Staatsballett und Malakhov selbst tanzen Béjarts Choreografie des Ringes um den Ring nach der Musik von Richard Wagner. Béjart ist wichtig für den Intendanten, sein Urteil über die Compagnie kann in der Fachwelt entscheidend sein. In einer Trainingspause geht Malakhov zu ihm, küsst ihn, links, rechts, reißt sein Shirt in die Höhe, zeigt ihm seine Bauchmuskeln. Béjart grinst. Ein Gipfeltreffen des Balletts.
Ein paar Wochen zuvor. Malakhov sitzt in seinem Büro in der Deutschen Oper. Die Wände sind holzvertäfelt, grüne Auslegeware, ein mächtiger Schreibtisch steht mitten im Raum. Malakhov hockt auf einem kleinen Stuhl davor. Er ist 36, trägt blonde Strähnchen im Haar, hat ein Bein angezogen und knabbert an seinen Fingernägeln. Er wirkt wie das verlorene Kind, als hätten ihn seine Eltern hier vergessen, zu zart für die wuchtige Möbelmacht. Ein Bildschirm zeigt die Proben zum Ring. Zwei Handys liegen vor Malakhov, sie klingeln ständig. Manchmal geht er ran. Er sagt, die Ortswechsel zwischen Staatsoper und Deutscher Oper kosteten viel Zeit. Das Staatsballett muss nun zwei Repertoires an zwei Häusern spielen.
Nach dem Auftritt folgt der Absturz in Leere und Depression
Mit vier Jahren hat Malakhov angefangen zu tanzen. Er lebte in Kriwoj Rog, Ukraine, einer Stadt der Metallindustrie. Die Eltern sind Ingenieure. Die Mutter träumte davon, Tänzerin zu werden, schaffte es aber nur bis zur rhythmischen Sportgymnastik. Sie übertrug ihren Wunsch an den Erstgeborenen. Diese Geschichte hat Malakhov schon oft erzählt, er schaut auf den Bildschirm. »Die Walküren«, sagt er, aus dem Ring. Seine Mutter brachte ihn zum Ballettunterricht, seine erste Rolle war eine Maus, die um den Weihnachtsbaum tanzte. Die Lehrerin meinte, er habe Talent und solle sich vorstellen in den großen Städten der Sowjetunion: Leningrad, Moskau, Kiew. Es klang fern. Mit zehn Jahren reiste er gemeinsam mit seiner Mutter nach Moskau. Aus 300 Kindern wurde er für die Ballettschule ausgewählt. Eine Ehre. Malakhov blieb, und seine Mutter versuchte, sich beim Abschied nicht nach ihm umzusehen, sonst hätte sie ihren Sohn wohl wieder mit in die Heimat genommen. Das hat sie ihm aber erst Jahre später erzählt. »Ich war glücklich dort«, sagt Malakhov. Glücklich, allein, als Zehnjähriger ohne Verwandte in einer unbekannten Stadt? Er lächelt. Vladimir Malakhov neigt dazu, Ereignisse umzudeuten. Am Schluss nehmen seine Geschichten immer ein gutes Ende. Deshalb klingen sie manchmal wie Märchen. Vielleicht kann man anders die Einsamkeit nicht ertragen. Ohne Schutz.
Im Internat wurde von 9 bis 18 Uhr getanzt, oft auch die Mittagspause hindurch. Malakhov lächelt wieder. Tanzen ist vor allem eines: Härte gegen sich selbst, der Wille, die Grenzen des eigenen Körpers zu ignorieren. Damit die Bewegungen leicht aussehen, wie abgetrennt von allem Irdischen. Tänzer erkennt man meist am Gesicht: tiefe Augenhöhlen, hervorstehende Wangenknochen, blasse Haut. Spuren von Diäten, Training und Stress. Vom Fenster des Ballettsaales konnte Malakhov anderen Kindern draußen beim Spielen zuschauen. »Sie waren happy«, sagt er. Happy. Er war ehrgeizig. »Ich wollte immer der Beste sein.« Und da war noch ein anderes Gefühl, das Internat kostete 80 Rubel im Monat. Seine Mutter verdiente 120 Rubel. Der Sohn war etwas schuldig. Da konnte er nicht entspannen, nie. An seine Kindheit in der Ukraine habe er nur sehr wenige Erinnerungen, sagt er. Sie scheint fern wie ein anderes Leben.
- Datum 18.11.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.11.2004 Nr.48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







