Der Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh scheint die Muslime in Europa aufzuwühlen. Viele nahmen an den Trauerfeiern teil, zahlreich sind die Stellungnahmen muslimischer Autoren, die wütend, beschämt und entschieden mit ihren extremistischen Glaubensbrüdern abrechnen. Sie merken allmählich, dass sie sich mit dem Problem des Terrorismus auseinander setzen müssen. Dass sich das Ressentiment gegen sie verschärft, wenn im Namen ihrer Religion weltweit Anschläge verübt werden.

Die meisten haben lange Zeit nicht eingesehen, warum sie unter Rechtfertigungszwang gestellt werden. Ihre Reaktion war eher: Das hat mit uns nichts zu tun, weshalb sollen wir uns dafür rechtfertigen – weshalb distanzieren sich die Deutschen nicht in Massendemonstrationen, wenn Christen in Bosnien oder in Tschetschenien Muslime niedermetzeln? Die Deutschen haben sich zwar stets öffentlich distanziert, wenn sie selbst sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, aber sie würden sich kaum zum Kollektiv der Täter zählen für Verbrechen, die irgendwo auf der Welt im Namen des Christentums begangen werden. Genauso beziehen sich auch die meisten Muslime in Deutschland weniger auf ihre Religion als auf die Nation ihrer Herkunftsländer. Es ist erst die deutsche oder europäische Öffentlichkeit, die eine muslimische Identität herstellt, und es ist der muslimische Terrorismus, der Muslime zwingt, sich zu dieser Identität zu verhalten – sich vom Islam zu distanzieren oder sich als säkulare Europäer zu ihm zu bekennen, um sich nicht mit denen gemein zu machen, die mit dem Bekenntnis zum Islam Menschen umbringen.

Das Selbstverständnis war lange national, nicht religiös bestimmt

Noch sind selbst die Moscheen und Islamverbände weitgehend national bestimmt. Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Istanbul haben die Türken in Deutschland dementsprechend sofort lautstark und glaubwürdig ihre Scham formuliert. Aber wer sollte für den Islam sprechen? Es gibt hierzulande keinen Ort, keine Institution und kein Organ, das für sich eine vergleichsweise Repräsentanz reklamieren kann wie etwa die große Pariser Moschee für die französischen Muslime. Die Verbände stehen nur für eine Minderheit unter den Muslimen. Eine islamische Öffentlichkeit gibt es so gut wie nicht, und nur einzelne, zudem fast immer säkular ausgerichtete Intellektuelle und Schriftsteller muslimischen Glaubens nehmen an den öffentlichen Debatten teil. Diese aber weigerten sich in der Regel, von Veranstaltern oder Redakteuren in eine religiöse Identität gepresst zu werden. Das scheint sich zu ändern, seit nicht mehr nur arabische oder südasiatische Muslime Gewalt ausüben, sondern europäische. Damit sind aber auch die nationalen Grenzen zwischen denen aufgehoben, die als Muslime in Europa leben. Spätestens jetzt gehören sie zum Kollektiv der Täter, und zwar nicht bloß in der Außenwahrnehmung.

In großen Teilen der islamischen Welt wird inzwischen eine selbstkritische, offene Debatte über den Terrorismus geführt. In Deutschland reagieren Imame oder muslimische Verbandsvertreter hingegen in der Regel immer noch defensiv und verharren in der Opferrolle. Sie sind keine Intellektuellen, die den geistigen Horizont, die Ausbildung, den Hintergrund, das Wissen und damit auch das Selbstbewusstsein haben, sich selbst grundsätzlich infrage zu stellen.

Dass sich der Islam in Deutschland nur unzureichend artikuliert, hat auch mit der sozialen Struktur der Einwanderer zu tun. Anders als nach Frankreich oder nach England mit ihren kolonialen Vergangenheiten sind so gut wie keine Eliten aus muslimischen Ländern nach Deutschland gekommen, die natürlicherweise an einem allgemeinen, öffentlichen Diskurs partizipieren und etwa mit christlichen Theologen oder euopäischen Intellektuellen auf gleicher Augenhöhe debattieren können. Solche Eliten bilden sich, wenn überhaupt, erst langsam, in der zweiten, dritten Generation der Einwanderer, heraus.

Der deutsche Teufelskreis aus Ablehnung und Ausgrenzung

Hinzu kommt, dass Selbstkritik in islamischen Ländern sozusagen im eigenen Lager geschieht; in Deutschland, in einer fremden, oft als feindselig wahrgenommenen Öffentlichkeit fällt das schwerer, will man sich doch vor der Mehrheitsgesellschaft keine Blöße geben. Man mag es belächeln oder kritisieren, aber viele Muslime selbst der zweiten, dritten Generation fühlen sich nicht aufgenommen in das deutsche Gemeinwesen. Das Ressentiment, das Muslimen immer häufiger begegnet, verstärkt den Drang, sich eine kulturelle Identität zu schaffen, mit der sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. Der damit einhergehende Rückzug gerade junger Muslime und die Betonung religiöser Symbole, die der Elterngeneration oft nur nebensächlich erschienen, bestätigt aber nur die Vorbehalte, die viele Deutsche hegen – ein Teufelskreis aus Ablehnung und Abgrenzung, der dringend zu durchbrechen wäre, wenn der Islam in Deutschland einen Platz finden soll.