Wer ihn einmal live gesehen hat, wird den ganzen Mann nicht wieder vergessen, vor allem aber nicht den Schaum, der im Rhythmus der Reime zwischen den Goldzähnen hindurchzischte. Ein Spezialeffekt war das nicht. Russell Tyrone Jones, als Rapper unter dem Nom de Guerre Ol' Dirty Bastard ebenso berühmt wie berüchtigt, interpretierte die pophistorisch traditionsreiche Figur des Getriebenen mit einem Furor, wie ihn niemand aufbringen kann, der einfach nur eine Rolle spielt. Als Mitglied des Wu-Tang Clan übersetzte er den weißen Mythos vom sich selbst verausgabenden Rock-'n'-Roll-Animal in die düsteren, von Verschwörungstheorien beherrschten Gegenwelten des HipHop. Die Soloplatte Return To The 36 Chambers: Dirty Version war es, die ihn Mitte der Neunziger als schwer überbietbaren Rap-Exzentriker bei einem Millionenpublikum durchsetzte. Doch auch und gerade in der archaischen Welt des Sprechgesangs gelten die Regeln der Selbsterhaltung. Während Clan-Größen wie RZA oder Method Man clever wirtschafteten und bald über eigene Imperien geboten, machte das unberechenbarste Wu-Tang-Mitglied nur noch durch Schießereien und spektakuläre Verhaftungen auf sich aufmerksam. Ein im Internet kursierendes Foto zeigt ihn als aufgedunsenes fusselbärtiges Wrack, das 2001 für Jahre hinter Gittern verschwand. Zuletzt soll er versucht haben, das Steuer noch einmal herumzureißen. Ein lukrativer Plattenvertrag und ein Album, das Kollaborationen mit den Superstars Jay-Z und Mariah Carey vorsah, waren als Comeback-Versuch und Reha-Maßnahme in Planung, verbunden mit einem umfassenden Marketingkonzept neuester Schule. Zur Ol'-Dirty-Bastard-Streetwear-Collection oder, noch schöner, zur Ol'-Dirty-Bastard-Pflegeserie kam es nicht mehr. Am vergangenen Samstag brach Russell Jones im Studio zusammen, zwei Tage vor seinem 36. Geburtstag. Die Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen.