Anne Morellis Analyse der Prinzipien der Kriegspropaganda beschäftigt sich nicht mit dem Wahrheitsgehalt von propagandistischen Kampagnen. Sie zeigt vielmehr anhand von Beispielen aus den beiden Weltkriegen, dem Kalten Krieg und den jüngsten auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak die Muster, nach denen die Kampagnen organisiert werden. Die Grundlage ihrer Untersuchung bilden die Werke von zwei Außenseitern sowie die aktuellen Debatten. Lord Ponsonby (1871 bis 1946) war konservativer Abgeordneter und schloss sich 1914 aus Protest gegen den englischen Kriegsbeitritt der Labour Party an. Als diese an die Regierung kam, wurde er Unterstaatssekretär. 1928 veröffentlichte der Pazifist das Buch Falsehood in Wartime, das unter dem Titel Lügen in Kriegszeiten 1930 auch auf Deutsch erschien (in Kleinstverlagen wurde es 1967 und 1999 wieder aufgelegt). Die andere Quelle ist ein Buch von Georges Demartial (La mobilisation des consciences. La guerre de 1914), das 1922 erschien. Demartial war schon während des Krieges Sekretär einer Gesellschaft, die sich mit kritischen Kriegsstudien befasste und es deshalb mit der Zensur zu tun bekam.

Die bereits von Ponsonby und Demartial aus dem Quellenmaterial abstrahierten zehn Prinzipien der Kriegspropaganda präsentiert die belgische Historikerin prägnant formuliert. Was zunächst auffällt: Nicht weniger als vier davon beruhen auf schlichter "Schwarzweiß-Mythologie", die das militärische Freund-Feind-Schema auf die Propaganda überträgt: Der Feind will Krieg, "wir" nicht; der Feind trägt die Schuld, "wir" nicht; der Feind begeht Grausamkeiten, "wir" nicht. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen, "wir" nicht.

Die simple Logik hinter diesen Grundsätzen arbeitet mit einem starren Gegensatzpaar – zum Beispiel erlaubte Waffen/unerlaubte Waffen. Der scheinbare Gegensatz verdankt sich jedoch nur einem heuchlerischen Falschspiel, denn "unerlaubt" sind Waffen nicht absolut, sondern nur so lange und für den, der sie noch nicht besitzt, oder erlaubt für den, der sie besitzt, aber sein Besitzmonopol erhalten möchte. Die scheinheilige Propaganda gegen das Giftgas im Ersten Weltkrieg funktionierte ebenso nach diesem Muster wie jene gegen "Massenvernichtungsmittel" im Vorfeld des Irak-Kriegs.

Sehr beliebt ist die Dämonisierung des Führungspersonals des Feindes. Englische Zeitungen, die Kaiser Wilhelm II. 1913 noch als "ehrenhaften Gentleman" begrüßten, machten ihn nach Kriegsbeginn zum "Geisteskranken", und das italienische Magazin L’espresso nannte Milo∆eviƒ während des Krieges "Hitlero∆eviƒ", die französische Tageszeitung Libération den Anführer der Landbesetzer in Simbabwe Chenjerai "Hitler" Hunzvi.

Ein anderes Prinzip der Kriegspropaganda appelliert an hehre Kriegsziele ("Wir kämpfen für eine gute Sache"), gerät aber regelmäßig in Verlegenheit, weil auch das im staatlichen Auftrag ausgeübte Morden für jedes intakte Empfinden Anstoß erregt. Die Propaganda mit Kriegszielen verbindet sich deshalb oft mit jener gegen Grausamkeiten des Gegners. Damit soll die moralische Verantwortung der eigenen Soldaten erleichtert und deren Gewissen entlastet werden. – Anne Morellis Buch bietet jedem Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer das intellektuelle Instrumentarium, medial verstärkte Propaganda kritisch zu durchleuchten.