Bei schönem Wetter im Sommer treffen sie sich jeden Sonntag im Grüneburgpark. Ein gutes Dutzend leger gekleideter Erwachsener um die 40 frühstückt auf Decken in Frankfurts grüner Lunge im vornehmen Westend, plaudert und spielt mit den Kindern. Philipp ist unter ihnen, der lange in Japan arbeitete und heute für eine britische Finanzfirma deutsche Unternehmen kauft und verkauft. Andrea, die Australierin, berät für eine US-Firma international tätige Banken. Filippo aus Italien, Laura aus Nicaragua und Tomoko aus Japan, sie alle gehören zum Grüneburg Breakfast Club. Ab und an schaut auch Bea, die 39-jährige Schweizerin vorbei, die gleich sieben Sprachen spricht, darunter Japanisch und Russisch. Bea ist seit 2001 Professorin für Volkswirtschaft an der Universität Mainz und hat die Jahre zuvor beim Internationalen Währungsfonds und bei der Weltbank verbracht.

Bea heißt im offiziellen Leben Beatrice Weder di Mauro. Seit Juni gehört sie Deutschlands wichtigstem volkswirtschaftlichen Beratungskreis an, dem Sachverständigenrat. Sie ist die erste Frau in dem Zirkel, den man früher die Fünf Weisen nannte. Sie ist das jüngste Mitglied in der 41-jährigen Geschichte dieser Institution. Sie ist die erste Ausländerin in dem erlauchten Gremium. Weder wer?, fragten sich selbst eingefleischte Volkswirte.

Es ist Montag, gegen neun am Abend. Oscar’s, die im französisch-amerikanischen Stil gestaltete Bar des Nobelhotels Frankfurter Hof, füllt sich. Weder di Mauro kommt aus Wiesbaden, wo sie seit 15 Tagen von neun in der Früh bis abends sieben Uhr mit den anderen vier Weisen Seite für Seite das Gutachten diskutiert, ändert, umschreibt, noch mal diskutiert. Von September an sind es drei Tage pro Woche, später werden es vier, fünf und sechs, die die Auserwählten im zwölften Stock des Statistischen Bundesamts verbringen. Die Arbeitsbelastung sieht man Weder di Mauro kaum an. Sie schaut zufrieden aus, eben so, wie man ausschaut, wenn man Großes leistet und das Ende in Sicht ist. In vier Tagen geht das Gutachten in Druck. Am Dienstag wurde es in Berlin verteilt, am Mittwoch wurden die Ergebnisse präsentiert.

Männerblicke verfolgen die schlanke Frau mit ihren blonden, schulterlangen Haaren. Weder di Mauro ist schlicht gekleidet, weißer Rollkragenpullover, graues Jackett darüber. "Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gearbeitet", sagt sie und bestellt sich ein Bier. Die Balance zwischen Arbeit und Privatleben, das sie mit Familie, Sport, Freunden, Musik und dem Interesse für andere Kulturen und Religionen füllt, war noch nie so unausgewogen. Selbst während der Dissertation hatte sie mehr Zeit für das Bergsteigen, und während der Habilitation verbrachte sie immer wieder Wochen bei ihrem Mann, der seinerzeit in Tokyo arbeitete. Ob sie die Berufung schon bereue? Die großen grau-grünen Augen werden noch größer. "Überhaupt nicht. Die Arbeit im Sachverständigenrat ist einmalig." So intensiv, unabhängig und allumfassend werde in keinem anderen Gremium der Welt gearbeitet.

Weder di Mauro kennt zwar den Globus, nicht aber die deutsche Wirtschaftspolitik mit ihren Fallstricken. Da musste sie sich einarbeiten, das wusste sie. Was sie nicht geahnt hat, ist der Medienrummel, den die erste Frau im Sachverständigenrat ausgelöst hat. Das Innere nach außen kehren, sich eindeutig positionieren: Das ist ihre Sache nicht.

Wäre sie nicht eine Frau, müsste es auch nicht ihre Sache sein. Nach seinen zwei Jahren im Sachverständigenrat hinterließ ihr Vorgänger Axel Weber den Zeitungsarchiven nichts, kein Interview, kein Porträt. Im Licht der Medien steht der Rat mit seinem Gutachten nur einmal im Jahr. Außer seiner Konjunkturprognose bleibt beim Publikum nicht viel hängen.

Aber die Hunderte von Seiten, die er veröfffentlicht, haben es in sich. Sie bestimmen wie keine andere Publikation die wirtschaftspolitische Debatte. Seit Mitte der siebziger Jahre predigen die Gutachten die reine Lehre der Angebotspolitik und erteilen allen keynesianischen Ideen, wonach auch der Staat eine Verantwortung für die Gesamtnachfrage hat, eine klare Absage. Ihre Forderungen hören sich stets gleich an: mehr Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt, niedrigere Löhne, Steuern, Sozialtransfers und weniger Staatsschulden. Genau diese Sichtweise hat der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jim O’Neill, im ZEIT -Interview jüngst als "absurd" bezeichnet.