Ethnologie Eintauchen, nachspüren

Was suchen Ethnologen im Unterholz der Metropole? Rolf Lindner zeigt uns den Zauber der Stadtforschung

Seitdem die moderne Großstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, verkörperte sie immer ein Bündel von »Problemen«. Mit ihnen umzugehen setzt voraus, ihre soziale Mechanik und Bildlichkeit zu durchschauen. Dies wird umso dringender, als die repräsentative Demokratie und die Hierarchien der Verwaltung an ihre Grenzen kommen. Wie die Megacitys der südlichen Hemisphäre sind sie heute darauf angewiesen, im Umgang mit der Stadt auf die Netzwerke und Ressourcen kleingliederiger und informeller Strukturen im Stadtteil zurückzugreifen.

Damit stellt sich die Frage nach den Instrumenten, die helfen könnten, den Leviathan Großstadt zu beschreiben. Welchen Blick braucht es, um die vielen Ebenen städtischer Öffentlichkeit miteinander in den Dialog zu bringen? Welche Ansätze bieten andere Länder, etwa die USA? Wo liegen verschüttete Traditionen im eigenen Land?

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Dies herauszuarbeiten, hat sich Rolf Lindner, Ordinarius für Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt-Universität, zur Aufgabe gemacht. Derzeit wird viel über die informelle Seite der Stadtkultur oder ihre wissenschaftliche Erforschung geschrieben. Das glückt selten. Lindner, erstmals 1990 mit dem Suhrkamp-Band Die Entstehung der Stadtkultur – Soziologie aus der Erfahrung der Reportage einem größeren Publikum bekannt geworden, trifft geradezu meisterlich den Nerv des Themas.

Einen historischen Abriss der Stadtforschung verspricht der Untertitel seines neuen Werkes. Aber die Walks on the Wild Side bieten ungleich mehr, nämlich eine souverän verfasste Bilanz der Großstadtethnologie. Lindner beschreibt nicht nur die technische Entwicklung der Großstadtforschung, seine Stärke liegt in einem doppelten Fokus, der Forschung und die Forscher gleichermaßen beleuchtet und der historischen Kritik unterzieht. Lindners Aufmerksamkeit gilt all jenen Professionen, Bilderproduzenten und »geborenen« Grenzgängern, die mit den Metropolen entstanden sind und sie zugleich verkörpern: Kriminalisten, Reporter, Stadtplaner, Literaten, Missionare, Fotografen, Ethnologen, Sozialarbeiter oder die Bohemiens und Künstler der Avantgarde.

Die Anfänge der Großstadtforschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigen diese Berufsrollen noch undifferenziert. Fachmenschentum und die Verwissenschaftlichung gab es noch nicht. Mit dieser Pioniergeneration »avant lettre« setzt Lindners Abriss ein. Ihr widmet er sich ausgiebig, um am Ende des Buches noch einmal auf sie zurückzukommen. Wie die Start-ups heute werkelte und wohnte man im Kiez zusammen, als Büro- und Lebensgemeinschaft, oft genug im selben Haus. Die Ab-Orte und das Wühlen im Schmutz, das slumming und muckraking, waren dieser Großstadtindianer größtes Plaisir.

Die Stadt-Körper der sich zu gigantischen Gebilden auswachsenden und auf einen Schlag elektrifizierten Metropolen wie London, Paris, Wien oder Chicago wurden nach einem Oben-unten-Schema neu vermessen. Armeen von Armenbesuchern und Kartografen fielen in bester zivilsatorischer Absicht und gewappnet gegen Kot, Cholera und Kommunismus über die in der Regel im Osten gelegenen Arbeiter- und Elendsbezirke der Metropolen her. Kolonisieren heißt kartieren. Jetzt wurden No-go-Areas markiert und das »Eigene« vom »Anderen« und »Fremden« abgegrenzt.

Die Quantifizierer beherrschen das Feld bis heute

Die den Stadträumen aufgedrückten Labels haben sich bis heute erhalten, auch die Unterschiede im Zugang. Da sind auf der einen Seite die generalstabsmäßig organisierten Fragebogen- und Datenfetischisten wie der Schiffsreeder Charles Booth, den beinahe jede stadtsoziologische Einführung als Ahnvater der empirischen quantifizierenden Sozialforschung preist. Ihr Blick folgt den Linien der staatlichen Herrschaft und der ökonomisch Mächtigen. Das Sozialforscher-Wort vom survey verweist auf die französische surveillance, das System von Kontrolle, das Michel Foucault beschrieben hat. Die Quantifizierer beherrschen das Feld bis heute.

Und da sind die anderen, Vergessenen wie Henry Mayhew, der den Großstadttypen, Menschen und Milieus ihren eigenen Sinn, ihre Sprache und Erzählungen zu belassen, sie ungefiltert darzustellen versucht. Mayhew, ein mit der schmallippigen viktorianischen Kultur auf Kriegsfuß stehender Zyniker, gab für kurze Zeit den Punch heraus. Aber vor allem war er ein Bohemien und Bankrotteur. Charles Dickens, sein Freund, hat ihn in David Copperfield als Landlord Dr. Micawber verewigt. Mayhew lieferte in der unvollendeten und deshalb auf London beschränkt gebliebenen Enquete Labour and the Poor (1849/50) einen ersten ethnografischen Zugriff auf die Lebens- und Erwerbsbedingungen einer Großstadt.

Ein halbes Jahrhundert später, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, setzt Lindner einen zweiten historischen Schnitt. Georg Simmel etablierte damals in Berlin die Stadtsoziologie und formulierte den bis heute gültigen Anspruch, dass die Großstadt, die Typen ihrer Bewohner und die Stile ihrer Milieus ein Labor seien, in dem die Strukturmerkmale der Moderne insgesamt entschlüsselt werden könnten. Aber noch fehlte die rechte Methode und wissenschaftliche Praxis.

Einer von Simmels Schülern, Robert Ezra Park, begründete schließlich 1915 mit seinem programmatischen Aufsatz The City die wissenschaftliche Ethnografie der Großstadt. Go into the district, get the feeling, become acquainted with people, so seine Schlagworte. Um ihn formierte sich eine Schule, fast eine Jüngergemeinschaft. Bis heute ist die Chicago School of Sociology die einschlägig bedeutendste Einrichtung. Markenzeichen ihres Zugriffs ist das switching, eine sorgsam gepflegte und entwickelte und bis zur Selbstauflösung betriebene Technik der Mimesis, des ethnologischen Rollenspiels, der Mimikry und des »verstehenden« Eintauchens in die natural areas der Untersuchungsgebiete. Wo immer derzeit an den Börsen der Gelehrsamkeit über die Zukunft und Ästhetik der Bildung verhandelt wird, feiert das switching als pädagogische Primärtugend eine unerwartete und glanzvolle Wiederauferstehung.

In einer dritten Schnittebene setzt sich Lindner mit der Moderne auseinander. Die Emanzipationsdiskussion etwa der Black-Power- oder der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre und die Idee von Multikulti und Differenz haben dem Kiez vorübergehend den Ruch des Devianten und Defizienten genommen. Er wurde als »vollwertige« Subkultur anerkannt. Auch Frauen tauchten jetzt als Forscherinnen auf, mieteten sich »im Feld« der No-go-Areas ein, oft über Jahre.

Im Dschungel der Nachtasyle und Spelunken

Seit den neunziger Jahren hat sich der gesellschaftliche Rahmen noch eimal verändert. Im Spannungsfeld zwischen sicherheitspolitischem Trend und Ethnografie steht Loic Wacquant, den Lindner als modernsten Vertreter der Zunft vorstellt. Wacquant, ein Schüler Pierre Bourdieus und ausgebildeter Boxer, arbeitet an einem »inside the zone« betitelten Projekt im Chicagoer Süden, der noch in den neunziger Jahren die höchste Mordopferrate der USA aufwies. Er kritisiert die naive Romantik der Chicago-Schule, ihre Beschränkung auf einzelne Biotope und versucht den sicherheitspolitischen Diskurs der Hardliner und ihrer Kritiker in seine Analysen zu integrieren. Nach Wacquants Lesart pendeln die Lebensläufe der jungen schwarzen Unterschicht zwischen offiziellem Knast und dem totaler polizeilicher Kontrolle unterworfenen »Normalvollzug« des Ghettos.

Aber was in aller Welt macht den Gang ins Unterholz der Großstadt so attraktiv? Lindner rät George Herbert Meads Aufsatz über Die Natur der ästhetischen Erfahrung von 1926 neu zu lesen. Ein mystischer Akt der Selbstverwandlung sei die Droge, die die Pfadfinder des Städtischen in den Dschungel der Nachtasyle, Spelunken und Crack-Häuser treibe. Er schaffe die Authentizität, nach der Zeitungsleser und kulturelle Öffentlichkeit verlangen. Für Lindner wächst daraus zumindest die Hoffnung, Forschung als körperlichen Akt und damit den Zauber der Metropolen neu zu begreifen.

Walks on the Wild SideEthnologie | StadtSachbuchEine Geschichte der StadtforschungRolf LindnerBuchCampus Verlag2004Frankfurt am Main24,90240
 
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