Bereits Bogoljubow wusste: "Schach ist ein seltsames Spiel. Manchmal geht’s, und manchmal geht’s nicht."

Bei der Schach-WM im Brissago am schweizerischen Lago Maggiore zwischen dem russischen Weltmeister Wladimir Kramnik (der Kasparow entthront hatte) und seinem ungarischen Herausforderer Peter Leko hätte schon nach der ersten von 14 Partien kaum jemand noch einen Pfifferling für den Ungarn gegeben: In ausgeglichener Stellung hatte dieser, sonst äußerst exakt und zuverlässig spielend, einen furchtbaren Fehler begangen – und verloren. "Amaurosis scacchistica acutissima" (akute Schachblindheit) hätte der Arzt und einstige "Lehrmeister Deutschlands" Siegbert Tarrasch diagnostiziert.

Nun musste Leko in den restlichen Partien schon zweimal mehr gegen Kramnik gewinnen, während diesem, der zuweilen ein Jahr lang keine einzige Partie verliert, ein 7 : 7-Unentschieden gereicht hätte.

Doch in der fünften Partie passierte es: Erstmals in seinem Leben hatte Leko in einer wichtigen Partie nicht den Königsbauern von e2 nach e4 gezogen, sondern mit dem Damenbauern d2 – d4 eröffnet, an und für sich die Leib- und Magenkost Kramniks. Und nach mehr als sechs Stunden einer erbitterten Geistesschlacht im Centro Dannemann verfehlte der Russe zweimal hintereinander eine subtile Remisfortsetzung und verlor.

All dies sollte indes nur Prolog zu der unerhörten achten Partie sein, die laut dem Verlierer Kramnik in die Schachgeschichte eingehen wird.

Leko hatte das umstrittene Marshall-Gambit gewagt, benannt nach dem amerikanischen Meister Frank Marshall, der wie ein Cowboy seine Gegner anzugreifen pflegte. Schon bald war jedermann klar, dass er voll in Kramniks Vorbereitung geraten war. Dieser spielte schnell und selbstbewusst, während Leko in immer größere Zeitnot geriet. Die Computer, in derlei taktischen Stellungen normalerweise fast so unfehlbar wie der Papst, applaudierten Kramnik unisono.

Aber mit nur noch wenigen Minuten auf der Uhr fand Leko hier als Schwarzer einen herrlichen Angriffszug, nach dem plötzlich Weiß in allen Varianten verloren war, obwohl er in der Hauptvariante sogar eine neue Dame unter Schachgebot, also mit Tempo, bekommen hätte. Wie kam’s? Helmut Pfleger