Peter Nadas, der große ungarische Dichter, der weltabgewandt in einem kleinen Dorf (Einwohner: 46) wohnt, aber die Welt mitsamt ihren unzählbaren TV-Kanälen in seiner Wohnung ein- und ausschalten kann, wie’s beliebt, als sei er das Auge schlechthin, das alles sieht, hat am vorigen Sonntag im "Roten Salon" der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aus seinem neuen Buch vorgelesen: Freiheitsübungen. Sein Publikum folgte ihm mit zärtlicher Aufmerksamkeit. Nadas’ Stimme klang, als käme sie von fern her.

Er ist – nebenbei – ein Fotograf von Bäumen, Menschen und, als Schriftsteller, von Seelenzuständen in Augenblicken der Not, der Liebe und der Gefahr. An jenem Abend stellte er eine mikroskopisch genaue Analyse des gefilmten Standgerichts vor, das mit der Verurteilung und Erschießung des rumänischen Despoten-Ehepaars Ceauşescu politisch-ikonografische Geschichte gemacht hat. Angst und Rache hießen die Gemütslagen aller Beteiligten des blutigen Nachmittags vor fünfzehn Jahren. Noch in der furchtsam zitternden Kameraführung wurde offenbar, dass hier nicht Recht gesprochen, sondern im Namen der Gerechtigkeit gemordet wurde. Man sah einen Tatort, von dem die Täter noch nicht geflohen waren, wenngleich der Ort selbst menschenleer zu sein schien. Vielleicht bedurfte es der Empfindsamkeit eines Dichters, um aus jedem Bild das Grauen jener Jahre heraufzubeschwören.

Während der Lesung fiel das Auge des Zuhörers auf einen Öldruck an der schäbigen Salonwand neben dem Dichter: Lenin im schweren Wintermantel, ähnlich jenem, mit dem sich Ceauşescu in einem Hinterhof vor den Toren Bukarests gegen die MP-Garbe seiner Hinrichter schützen wollte. Lenin allerdings starb im Rollstuhl an Syphilis. Was sollte das Bild dieses Herrn hier? Er hatte Zehntausende mehr als der Rumäne ermorden lassen. War er es nicht, der, hörte er Beethovens Apassionata, "der Menschheit auf den Kopf schlagen" wollte? Und es dann tat – nicht nur metaphorisch, sondern ganz im Ernst? Waren seine Revolutionstelegramme samt Mordbefehlen in der Volksbühne unbekannt geblieben?

Ach, wir sind im Osten Berlins, wo derlei Bilder-Nostalgie selbstverständlich jene Mauerfall-Ironie beigemischt wird, die tumbe Westler nicht verstehen. Aber die Dinge sind komplizierter. Ein Stalin-Porträt käme ja nicht infrage, das wäre glatte, platte Satire. Ein Lenin-Porträt hingegen soll uns sagen: "Der war mal was, das wollen wir doch nicht vergessen." Aber was war er denn? Fast scheint es, als wollte diese Geste im "Roten Salon" den historisch-dekorativen Geist am Rosa-Luxemburg-Platz widerspiegeln, dem alles nicht so ernst ist, wie es Lenin war, als er seine Mordkommandos ins Land schickte. So steigt aus den historischen Blutlachen Russlands das verlegene Lachen von humorvollen Raumausstattern auf, die der Geschichte mit einem fröhlichen Good bye, Lenin! davongekommen sind, ohne ihr Glück fassen zu wollen. Peter Nadas, der alles sieht, hat auch dieses Bild gesehen.

Michael Naumann