Nun stichelt er wieder, und das nicht zu knapp. Bevor Jaques Chirac noch den Fuß auf britischen Boden setzte, nutzte der Präsident eine Reihe von Interviews, um Tony Blair einen auszuwischen. In aller Verbundenheit versteht sich. Was haben die Briten schon von ihrer Special Relationship mit Amerika zu gewinnen? Nichts, rein gar nichts, spöttelte Chirac und wiederholte damit, was auch heimische Kritiker von Tony Blair sagen. Der Irakkrieg? Ein reines Desaster, das den Terrorismus erst richtig entfacht hat, verkündet der französische Gast, der Tony Blair gerne ein bisschen von oben herab behandelt, bei aller persönlicher Zuneigung. Nein, die Entente Cordial zwischen Großbritannien und Frankreich, die dieses Jahr ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, war schon immer eine recht komplizierte Angelegenheit. In Hassliebe eng einander verbunden, so lässt sich das Verhältnis dieser beiden stolzen Nationen umschreiben. Sie haben so ihre Probleme miteinander, auch ohne Irak und George Bush.

Das Blut britischer Patrioten gerät regelmäßig alle Jahre wieder in Wallung: Diese unverschämten Franzosen. Mal blockieren französische Fischer Kanaltunnel und Häfen, weshalb dann zehntausende von britischen Urlaubern im Chaos stecken bleiben. Oder Paris ignoriert als EU-Land ganz ungeniert den Brüsseler Beschluss, das Importverbot für britisches Rind aufzuheben. Die meisten Briten sind felsenfest davon überzeugt, dass der kontinentale Nachbar keine Gelegenheit auslässt, ihnen eins auszuwischen. Die gerissenen „Frogs“ verstehen es immer wieder, ein „Traumszenario“ (so der linksliberale Guardian) zu inszenieren: Die Leidtragenden wilder Streiks und Proteste in Frankreich sind ganz gezielt die Briten – gleich ob französische Bauern Straßensperren errichten und britische Importlämmer verbrennen, LKW-Fahrer Häfen und Transitautobahnen blockieren oder streikende französische Fluglotsen britischen Urlaubern den Flug in den Süden vermasseln.

Einst war die Insellage ein Vorteil. Sie erschwerte im 100jährigen Krieg zwischen England und Frankreich Invasionen des Erzfeindes und selbst ein Napoleon musste von einer Eroberung Englands absehen. Doch heutzutage liegt der Fall ganz anders. Den Franzosen ist das regnerische Inselreich ziemlich schnuppe. Die Briten dagegen brauchen Frankreich – für den billigen Einkaufstrip nach Calais, als Transitland, als Urlaubsziel und als Land des preiswerten Zweitwohnsitzes, ob in der Normandie, der Dordogne oder der Provence. Doch der damit verbundene engere Kontakt hat nicht unbedingt mehr Sympathie erzeugt. Gut aufeinander zu sprechen sind sie beide nicht. Frankreich beäugt misstrauisch das „perfide Albion“, das mehr denn je als trojanisches Pferd der USA und des Hollywoodimperialismus gilt. Im Grunde ihres Herzens stimmen viele Franzosen noch heute General de Gaulle zu, der in den 60er Jahren ein entschiedenes Nein sprach, als die Briten an die Pforten der EG klopften. Ein europäischer Klub unter französisch-deutscher Führung ist ihnen lieber als ein Trio unter Einschluss der Angelsachsen. Die Dominanz der englischen Sprache schmerzt, aber dafür lassen die französischen Medien gerne durchblicken, dass es den „Roastbif“ entschieden an Kultur und Lebensart mangele, von den gastronomischen Gräueltaten der englischen Küche ganz zu schweigen.

Die Briten haben ein beinah schizophrenes Verhältnis zu Frankreich. Sie bewundern seine Kultur und Gaumenfreueden, sie beneiden es um die einmalige Vielfalt. Wer hat schon atlantische Küsten, Hochalpen, mitteleuropäische Wälder und zugleich mediterrane Strände zu bieten. Insgeheim trauert man vergangenen Zeiten nach, als weite Teile von „Gottes eigenem Land“ der englischen Krone gehörten. In privater Unterhaltung fällt immer wieder mal der halb scherzhaft gemeinte Satz, Frankreich habe nur einen Fehler, nämlich dass dort Franzosen lebten.

Eines vor allem stört die Briten an ihrem Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals: Der Anspruch, mehr zu sein als sie sind. Am besten dokumentiert durch die Selbstverständlichkeit, mit der sich Frankreich, obgleich im zweiten Weltkrieg rasch besiegt und dann mit den Nazis durch das Vichy Regime kollaborierend, sich auf der Bank der Siegermächte des Krieges niederließ, obgleich die Angelsachsen und Russen das Siegen für sie besorgten. Die Entente Cordial samt zweimaliger Waffenbrüderschaft gegen den gemeinsamen deutschen Feind hat an der tiefverwurzelten Animosität wenig zu ändern vermocht.

Man teilt bestimmte Ängste über die unheimlichen Deutschen, doch ist sich uneinig über die Antwort. Die Franzosen sahen stets das beste Mittel in enger europäischer Integration, um die Deutschen einzubinden. Zugleich vermochten sie Europa lange Zeit weitgehend nach ihren Vorstellungen zu prägen. Frankreichs Ziel sei es, ein europäisches Deutschland in einem französischen Europa zu schaffen, beschrieb spöttisch vor ein paar Jahrzehnten ein britischer Außenminister die Außenpolitik von Paris. Die Briten sind sich über Europa immer noch nicht ganz schlüssig geworden, wie man auch in Paris weiß. Doch sahen die Briten mit Ingrimm, wie Frankreich in der EU seine Vorliebe für zentralisierte Bürokratien durchsetzte. Jetzt, im erweiterten Europa, glaubt London die besseren Karten zu haben. Ein größeres Europa werde zwangsläufig loser sein, zugleich „atlantischer“ orientiert, der französische Integrationszug sei erst einmal gestoppt.