Wir werden weniger (Teil 6) Verdammt zum Wachsen
Schrumpfen und Kapitalismus? Das passt nicht. Ein Gedankenexperiment
Deutschland im Herbst 2000. Die Stimmung ist gut. Das Wirtschaftswachstum liegt bei drei Prozent im dritten Quartal, im zweiten waren es gar sensationelle vier Prozent. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Allen geht es besser.
Deutschland im Herbst 2004. Die Stimmung ist mies, das Wachstum beträgt nur etwas mehr als ein Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Bundesagentur für Arbeit zählt fast eine halbe Million mehr arbeitslose Menschen als vor vier Jahren. Die Autos auf Deutschlands Straßen werden immer älter, die Kneipen und Restaurants sind leer, die Löhne sinken. Es scheint, als ginge es allen schlechter. Eine Pleitewelle hat den Unternehmenssektor erfasst, die Banken haben im vergangenen Jahr Rekordverluste geschrieben, bei einigen Großbanken ging es gar ums berleben. Und die Staatsverschuldung wächst und wächst.
Das Paradoxe an der Situation: Eigentlich müsste es Deutschland deutlich besser gehen als vor vier Jahren. Denn das Bruttoinlandsprodukt ist inflationsbereinigt um rund 30 Milliarden Euro höher als im »Boomjahr« 2000.
Wo aber ist dieses zusätzliche Volkseinkommen geblieben, das aus dem Mehr an Gütern und Dienstleistungen entstanden ist? Muss es ein Mindestwachstum geben, damit es den Menschen nicht schlechter geht?
Die herrschende volkswirtschaftliche Denkschule, die so genannte Neoklassik, ist nicht geeignet, diese Frage zu beantworten. Denn sie erklärt Null- oder sogar Minuswachstum für möglich, ohne dass es zu steigender Arbeitlosigkeit, Firmenzusammenbrüchen oder gar Bankenkrisen kommt. Der Grund: Preise und Löhne reagieren flexibel auf Nachfrageänderungen, sodass die Märkte stets im Gleichgewicht sind. Gegen diese weltfremde Sicht spricht jedoch die Erfahrung, die Empirie. Immer, wenn sich das Wachstum abschwächt, Rezessionen durchgestanden werden müssen, erleben die Menschen die Krisenphänomene, und zwar in jedem Land der Welt, ganz gleich, wie flexibel die Struktur der Volkswirtschaft auch sein mag.
Woran liegt es, dass die Theorie, an die der Bundesbankchef genauso glaubt wie die Sachverständigen und die Chefvolkswirte in den Banken, keine Antwort auf das Offensichtliche geben kann? Dass nämlich der Kapitalismus ohne Wachstum nicht funktioniert.
Das schwarze Loch in der Neoklassik ist das Phänomen Geld. Das ist nach dieser Theorie reines Tauschmittel, und Gläubiger und Schuldner, die über ihr Geldvermögen disponieren und so versuchen, die Zukunft zu planen, kommen nicht vor. Doch diese Dispositionen machen den Kapitalismus überhaupt erst anfällig für Krisen.
- Datum 18.11.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.11.2004 Nr.48
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



