Kindergarten Schmalspur

Die OECD-Studie beklagt die fehlende akademische Ausbildung deutscher Erzieher. Die aber kostet Geld

Vor wenigen Monaten fragte sich Ilse Helmken, wie lange sie ihren Job noch durchhält. Sie fühlte sich überfordert. Regelmäßige Elterngespräche sollen die Erzieher in Zukunft führen, die Fortschritte der Kinder schriftlich dokumentieren und zu Bildungsexperten werden. Am Ende entschied sich die 41-Jährige, weiterzumachen – und sich weiterzubilden. Die Erzieherin der Bremer Martin-Luther-Kita gehört zum ersten Jahrgang des Weiterbildungsstudiums »Frühkindliche Bildung« an der Universität Bremen. Hier können Erzieher erfahren, auf welche Weise das Gehirn von Vorschulkindern Neues verarbeitet und wie man Kindern aus fremden Kulturen Deutsch beibringt. Helmken wählte den Schwerpunkt Natur, Technik, Mathematik.

Bremen ist bislang das einzige Bundesland, in dem Erzieher eine akademische Ausbildung an einer Universität erhalten können. Vier Bundesländer bieten an Fachhochschulen neuerdings etwas Ähnliches an – oft ohne große Unterstützung des Kultusministeriums. Denn die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, die Ausbildung der Erzieher dort zu belassen, wo sie ist: an so genannten Fachschulen, für die ein Realschulabschluss reicht. International hat sich Deutschland mit dieser Schmalspurausbildung isoliert. In allen anderen Ländern Westeuropas (außer Österreich) gibt es zumindest für Führungskräfte in Kindergärten ein Studienangebot, in einigen gar für alle Erzieher. Der neue OECD-Kindergarten-Report bemängelt deshalb nicht nur die schlechte Bezahlung deutscher Erzieher und ihre geringen Aufstiegschancen, sondern auch die unzureichende Ausbildung.

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Dabei ist längst anerkannt, dass die sozialpädagogische »Breitbandausbildung« den Ansprüchen eines modernen Kindergartens nicht mehr genügt. »Da gibt es Lehrer, die am Morgen Fleischerlehrlingen Mathematik beibringen und am Nachmittag angehenden Erzieherinnen«, sagt Norbert Hocke von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Selbst für gute Realschüler bietet der Erzieherberuf kaum mehr eine Perspektive. Der Notendurchschnitt für die Zulassung zur Erzieherfachschule liegt mittlerweile bei über 3,0. Zugespitzt formuliert: Die bildungsfernen Schichten bilden die nächste Generation aus.

Eine Folge der hochschulfernen Erzieherausbildung ist der gravierende Mangel an Forschung zum Thema. Die OECD-Experten vermerken in ihrem Bericht irritiert, dass es in Deutschland weniger Professorenstellen für die frühkindliche Bildung gibt als für die japanische Sprache. Wissenschaftliche Fachzeitschriften fehlen völlig.

Das unausgesprochene Hauptargument gegen eine Akademisierung ist das Geld. Die Bundesländer hegen die Angst, dass gut ausgebildete Erzieher auch höhere Gehälter verlangen. Dieses Argument will die OECD jedoch nicht gelten lassen. Schon heute gebe Deutschland nur 0,4 Prozent seines Bruttosozialproduktes für die vorschulische Erziehung und Bildung aus, weniger als andere europäische Länder, in denen die Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen häufig kostenlos ist. Die OECD-Experten verweisen auf internationale Studien, die den sozialen, bildungspolitischen und finanziellen Profit einer guten Bildung und Erziehung gerade für Kinder aus bedürftigen Familien belegen. So rechnete das Washingtoner Economic Policy Institute aus, dass für jeden Dollar, der in ein Bildungsprogramm für Drei- und Vierjährige investiert wird, drei Dollar zurückfließen: durch Steuereinnahmen, geringere Sozialhilfeausgaben oder abnehmende Kriminalität. Leider stellen sich die Gewinne erst ein, wenn die Kinder erwachsen sind, einen Job haben oder, statt im Gefängnis zu sitzen, auf der Universität lernen – ein Zeithorizont, der den Weitblick vieler Politiker übersteigt.

 
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