Vor kurzem war Bernadette Duffy Gast in der Downing Street bei Gordon Brown, dem britischen Schatzkanzler. Auch beim Premierminister eine Hausnummer weiter war sie schon eingeladen – zum Gegenbesuch, nachdem sich Tony Blair ihren Arbeitsplatz angeschaut hat: das Thomas Coram Children’s Centre, einen Kindergarten im Norden Londons. Das Interesse der mächtigsten Männer Großbritanniens für kleine Kinder ist derzeit ungewöhnlich groß. "Das Thema ist heiß, alle wichtigen Politiker in unserem Land reden über die frühkindliche Erziehung", lautet Duffys Antwort.

In der Versorgung mit Kindergartenplätzen hat England bis heute einen großen Nachholbedarf, doch seit 1998 wird aufgeholt: Rund 100000 neue Kita-Plätze hat die Blair-Regierung schon geschaffen. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Kinderbetreuung in sozialen Brennpunkten. Der englische Guardian bezeichnet das Kindergartenprogramm der Regierung als "die Kronjuwelen der Labour-Politik". Besonders hell funkeln sie im Thomas Coram Children’s Centre, einem der Vorzeigeprojekte britischer Bildungspolitik.

Wie immer beginnt der Tag hier mit der gemeinsamen Begrüßung: "Good morning, Sabah el kheir, Buenos días, Namaskar…" Aus zwei Dutzend Nationen stammen die Kinder. Das verlängert das Morgenritual, da jedes Kind in seiner Muttersprache empfangen wird. Knapp zwei Drittel der Ein- bis Vierjährigen stammen aus Migrantenfamilien. Und viele der englischen Jungen und Mädchen kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, in denen Arbeitslosigkeit und Armut zu Hause sind.

Gerade solchen Kindern will das Thomas Coram Centre einen guten Start ins Leben ermöglichen. Es ist einer von 500 dieser frühpädagogischen Stützpunkte, den Early Excellence Centres, die in den vergangenen sieben Jahren unter dem Motto "Sure Start" entstanden. Bis 2008 sollen es 2500 sein – eine Mischung aus Luxuskindergarten für sozial Benachteiligte und Elterntreffpunkt. Sie gelten derzeit als eines der international innovativsten Konzepte frühkindlicher Erziehung.

30 Lehrer, Erzieher und pädagogische Hilfskräfte, viele selbst aus Migrantenfamilien, kümmern sich im Thomas Coram Centre um 106 Kinder. Sie musizieren im Klangraum, lesen in Kuschelecken Bücher vor oder helfen dabei, wenn die Knirpse mit dem Computer die Welt der Buchstaben entdecken. Im "Science Garden" erhalten die Kinder erste naturwissenschaftliche Lektionen, im "Meditation Garden" erproben sie die Stille. Jeder Gruppenraum des weitläufigen Neubaus ist voll gestellt mit pädagogischen Spielen, Büchern, Bau- und Bastelmaterial.

"Choice" laute die oberste Devise ihres Zentrums, sagt Bernadette Duffy. Mit pädagogischer Wahllosigkeit habe das Konzept jedoch nichts zu tun, versichert sie. Denn wie alle staatlichen Kitas ist das Centre dem nationalen Rahmencurriculum verpflichtet. Der dicke Ordner schreibt vor, wie die englischen Drei- und Vierjährigen zu fördern sind: im Gruppenleben und beim Sport, beim Sprechen und mathematischen Verstehen. Von der Regierung erlassen, vom Kindergarten im Schrank verwahrt – vermutet der Besucher aus Deutschland. Doch er irrt sich. Zwei andere Ordner, von der Kitaleiterin herangeschleppt, beweisen: Die Theorie ist konkret, sie trägt nun einen Namen: Sheila. Auf Hunderten von Seiten dokumentieren die Mappen die Bildungsbiografie der Vierjährigen – ihre Bilder und Basteleien, ihre Vorlieben und Handicaps, ihre Freundschaften und wie sie mit Konflikten umgeht. Fotos halten typische "Sheila-Situationen" fest. Lerntagebücher geben Auskunft über Sheilas Fortkommen beim Spielen, Sprechen und Verstehen.