Im Juni dieses Jahres bekam das Fröbel-Museum im thüringischen Bad Blankenberg kundigen Besuch. Zehn Tage lang war eine internationale Kommission der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris (OECD) durch deutsche Kindergärten, Elterninitiativen und Ministerien gezogen. Ihr Auftrag: einen Report zu erstellen über die Qualität der frühkindlichen Bildung und Erziehung in Deutschland. Ein Nachmittag ihrer Reise führte die Gutachter in die Vergangenheit: zu jenem Deutschen namens Friedrich Wilhelm August Fröbel, der 1840 den ersten "Kindergarten" der Welt eröffnete. Er sorgte dafür, dass noch heute Franzosen, Engländer und Spanier das deutsche Wort verstehen.

Nun liegt der Report vor, in Kürze will Familienministerin Renate Schmidt ihn veröffentlichen. Fröbels ganzheitlichen Ansatz, Bildung und Erziehung zu verbinden, loben die Gutachter darin als weiterhin aktuell. Auch die international vorbildliche Versorgung mit Krippen und Kindertagesstätten (Kitas) in Ostdeutschland findet das Gefallen der Experten. In fast allen anderen Punkten jedoch zeigt der in Fachkreisen als "Kindergarten-Pisa" bekannte Bericht, wie weit Deutschland trotz aller Bemühungen vom internationalen Standard frühkindlicher Pädagogik noch entfernt ist.

So gibt man hier im internationalen Vergleich viel zu wenig Geld für seine Kindergärten aus. Zudem seien die Qualitätsanforderungen der Bundesländer an die Kitas "anspruchslos", und die Ausbildung der Erzieherinnen sei "auf niedrigem Niveau", monieren die OECD-Beobachter. Weder in der Wissenschaft noch in der Politik genössen die frühkindliche Bildung und Erziehung die Beachtung, die ihnen in anderen Ländern zukämen. Der Report wird für Sprengstoff sorgen, besonders in jener Woche, in der langsam durchsickert, dass wir auch bei der neusten Pisa-Studie nur unterdurchschnittlich abgeschnitten haben.

Zur Begrüßung begießen die Erzieherinnen die Kinder mit Wasser

Denn vor allem die im internationalen Vergleich schlechten Leistungen deutscher Schüler lenkten den Blick auf den Kindergarten. Gleichzeitig entdeckte man, welche Aufmerksamkeit andere Länder den frühen Bildungsjahren widmen: dass in Holland schon Vierjährige in die Schule gehen können, die britische Regierung die Kindergartenerziehung zur nationalen Aufgabe (siehe Seite 39) erklärt oder Finnland seine Erzieher gemeinsam mit Grundschullehrern auf einer Hochschule unterrichtet. Immerhin eines gestehen die OECD-Experten zu: Sie haben auf ihrer Reise kaum jemanden getroffen, der noch die Notwendigkeit bestreitet, hierzulande für mehr und bessere Kindergärten zu sorgen. An vielen Stellen sei die Reform bereits angelaufen.

Zum Beispiel in Bremen. Im offenen Kindergarten "Am Nonnenberg" überraschen die Erzieher ihre Kinder neuerdings, indem sie sich, mit Gießkannen bewaffnet, auf dem Balkon ihrer Kita verstecken, um die ankommenden Eltern und Kinder mit Wasserspritzern zu begrüßen. Oder die Leiterin Regina Jeschke liegt direkt hinter der Eingangstür in einem Bett. Die Gießkannen sollen die Kinder auf das Thema Wasser einstimmen, die schläfrige Chefin provoziert das Nachdenken über Tag und Nacht. "Projektanimation" nennen die Erzieherinnen diese morgendlichen Überrumpelungen.

Alles sollen die Kinder einmal ausprobiert haben, entdecken und experimentieren, auch mit Buchstaben und Zahlen, sagt Jeschke. Manchen Kollegen falle es noch schwer zu akzeptieren, dass ein guter Kindergarten plötzlich mehr bieten muss als lustige Lieder, spaßige Spiele und putzige Basteleien. Dennoch: Selbstmitleid und Jammer über die neuen Ansprüche an den Kindergarten hätten deutlich abgenommen, sagt Donata Elschenbroich, und das nicht nur in Bremen. Noch vor wenigen Jahren sei es "wie ein Spießrutenlaufen" gewesen, wenn die Bestsellerautorin (Weltwissen der Siebenjährigen) ihren Bildungskanon für Vorschulkinder vor Erzieherinnen vorstellte – und kritisierte, dass deutsche Kitas systematisch unterschätzten, was Kinder können und lernen wollen. Heute würden ihre Forderungen von den Ideen und Projekten der Erzieherinnen teilweise überholt, sagt Elschenbroich. Sie spricht von einer "deutlichen Aufbruchstimmung". In wie vielen Kitas? "Mindestens in einem Viertel." Der Anfang ist gemacht.

Fast alle Bundesländer haben so genannte Bildungspläne für Kindergärten erlassen, in vielen Landesregierungen ist nun der Bildungsminister für die frühkindliche Förderung zuständig (siehe Tabelle Seite 38). Stiftungen wie die von Bertelsmann oder der Deutschen Telekom prämieren Modelle zur besseren Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule oder stellen Erzieherinnen Werkzeuge für naturwissenschaftliche Erkundungen zur Verfügung. Immer mehr Eltern fragen nicht mehr: Wird mein Kind überfordert? Sondern: Lernt es genug? Und mancherorts wie in Bremen überraschen sogar Wissenschaftler die Kinder mit Experimenten – oder lassen sich überraschen.