Kunst Barbarei der frommen EinfaltSeite 2/2
Auf den ironiegeübten, mit allen Wassern der Kunst gewaschenen (schon schrundig geschruppten) Brettern der Volksbühne vollzog sich der gleiche Absturz ins fundamentalistische Missverstehen, den Rushdies Roman mit seinen islamistischen Lesern erlebte. Am Ende des Abends hatte Kuttner einem Publikum ins Auge gesehen, das die Karikatur des Spaßes für echten Spaß genommen hatte und nur auf die Fortsetzung des Abends im Fernsehen wartete. Das war bitter für Kuttner, aber noch die leichtere Form des Missverstehens. Das Publikum hätte den Spott auch für eine direkte Verhöhnung der Naziverbrechen und ihrer Opfer nehmen können. Kuttner wäre dann in der Lage von Rushdie gewesen, dessen Leser den Kunstspott auf die Religion mit dem echten Spott einer religionsfeindlichen Moderne verwechselte.
Auch im Westen ist die Kunst nicht vor einer Lektüre fundamentalistischer Wörtlichkeit gefeit, einen entsprechenden Argwohn vorausgesetzt, der die uneigentliche Rede der Kunst nur für eine Maske des eigentlich wörtlich Gemeinten nimmt. Es geht der Kunst darin nicht anders als der Sprache, in der das Nebeneinander von eigentlicher und uneigentlicher Bedeutung immer wieder Misstrauen weckt. Ein Runder Tisch zum Beispiel, an dem sich Menschen zum gleichberechtigten Gespräch treffen, muss kein runder Tisch sein; er kann auch vier Ecken haben. Der Runde Tisch ist nur Metapher. Aber wer diese nicht versteht, wird es nicht nur beklagen, wenn er in der Realität rechteckig ist, sondern er wird auch die behauptete Gleichberechtigung der Gesprächsteilnehmer bezweifeln, insofern der rechteckige Tisch lange und schmale Seiten haben und damit eine Hierarchie ausdrücken könnte.
Naives Wörtlichnehmen ist keineswegs nur Ausdruck einer unschuldigen Gesinnung, sie kann das Missverstehen der übertragenen Bedeutung auch absichtsvoll inszenieren. Besonders erfolgreich war die feministische Weigerung, die Unterscheidung von grammatikalischem und natürlichem Geschlecht in der Sprache zu akzeptieren. Gattungsbegriffe, die im Deutschen männlich sind, auch wenn sie Frauen mitmeinen, wurden zu Zeichen des Patriarchats umgedeutet. Deswegen sagen wir heute Schüler und Schülerinnen oder schreiben SchülerInnen , weil der übertragene Wortgebrauch, der mit den Schülern immer auch die Schülerinnen ansprach, gegen die Sprachgeschichte fundamentalistisch umgedeutet wurde.
Eigentliche und uneigentliche Bedeutung markieren ein ideologisches Schlachtfeld, auf dem auch die Kunst nicht nur als Opfer auftritt. Es gibt eine Tendenz zeitgenössischer Künstler, die Grenze selbst zu verwischen. Der Schauspielerin, die als Opfer in van Goghs Film auftritt, sind Koranverse, als seien sie tätowiert, auf den Leib geschrieben, um die Gewalt der Religion über den weiblichen Körper zu zeigen. Das ist natürlich eine Metapher; sie will aber zugleich eine reale Verwundung durch die Tätowiernadel suggerieren, um den Realitätsanspruch der Metapher zu steigern.
Schwach ist der Ast geworden, auf dem die Kunst sitzt
Die Kunst, die sich auf das Spiel an der Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit einlässt, ähnelt der Homöopathie. Sie bekämpft ein Übel mit einem Stoff, der dieses Übel seinerseits hervorrufen könnte. Auch hierfür hat die Berliner Volksbühne in ihrer Weisheit (oder auch nur blinden Verfallenheit an den Zeitgeist) jüngst ein Beispiel gegeben. In Christoph Schlingensiefs Revue Kunst und Gemüse, A. Hipler (eigentlich nur die Aufarbeitung seines Bayreuth-Erlebnisses mit der Familie Wagner) tritt eine Frau auf, keine Schauspielerin wohlgemerkt, die an derselben Krankheit mit dem Kürzel ALS leidet wie der Maler Jörg Immendorff. Es ist eine fortschreitende Lähmung, die unweigerlich zum Tode führt; Schlingensiefs Patientin kann gerade noch die Augen bewegen. Mit ihnen (und einem komplizierten Projektionsapparat) schreibt sie auf eine Bühnenwand : »Ich bin nicht krank, ich kann mich nur nicht bewegen.« Das ist in hohem Maße erschütternd; aber was ist es für Schlingensief? Eine Metapher für den Zustand des Theaters. »Theater ALS Krankheit« lautet das Motto des Abends.
Worüber also wollen sich Künstler beschweren, wenn ihre Werke von Fanatikern in einem fundamentalistischen Kurzschluss auf das Leben bezogen werden? Schlingensief liefert mit seiner Revue das genau entsprechende Gegenstück: Er bezieht das Leben umweglos auf die Kunst. Genauer gesagt: Der Umweg ist nur noch minimal. Schlingensief braucht, um die tatsächlich Kranke in die Kunstwelt der Bühne zu überführen, eine Metapher als Zwischenglied. »Theater ALS Krankheit«. An dieser armseligen, kleinen, wahrscheinlich noch nicht einmal stimmigen Metapher hängt der ganze Status seiner Aktion als Kunst. Ohne diese Metapher wäre sie nichts als die zynische Ausbeutung einer Krankheit als Spektakel. Schwach ist der Ast geworden, auf dem die Kunst sitzt. Wir sollten uns nicht wundern, wenn er bricht und seine Last den lauernden Fundamentalisten ins Messer stürzt.
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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