Frankfurt/Main

Im Daschner-Prozess vor dem Landgericht Frankfurt hat das große Zurückrudern begonnen. Dort sitzen der ehemalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei Wolfgang Daschner und der Kriminalhauptkommissar Ortwin E. flankiert von je zwei Verteidigern auf der Anklagebank. Der Vorwurf gegen die beiden Männer lautet auf Anstiftung zur Nötigung und Nötigung in einem besonders schweren Fall. Wolfgang Daschner soll am Morgen des 1. Oktober 2002 angeordnet haben, den Entführer des elfjährigen Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler, den Jurastudenten Magnus Gäfgen, unter Androhung von körperlichen Schmerzen zu zwingen, den Aufenthaltsort des verschwundenen Kindes zu nennen. Ortwin E. soll die Anordnung ausgeführt haben und dadurch Gäfgens Aussage – das Kind sei tot und liege unter dem Steg eines Weihers – zustande gebracht haben.

Längst ist Magnus Gäfgen des Mordes an dem Kind überführt und rechtskräftig verurteilt. Doch bis heute beschäftigt sich das ganze Land mit der Frage, wie die Polizei an sein Geständnis gekommen ist. Magnus Gäfgen selbst will das Versteck des Kindes erst nach massiven Folterdrohungen verraten haben: Ein Polizist habe sich im Vernehmungszimmer ihm gegenüber hingesetzt, das Gesicht dicht an das seine gebracht und gesagt: "Das Spiel ist vorbei." Ein Spezialist, der ihm unerträgliche Schmerzen zufügen werde, ohne dabei Spuren zu hinterlassen, sei schon per Hubschrauber im Anmarsch. Zur Illustration habe der Polizist einen Hubschrauber-Rotor nachgemacht. Außerdem werde man Gäfgen mit "zwei Negern" in eine Zelle sperren, die ihm dort sexuelle Gewalt antun würden. Gäfgen werde sich wünschen, nie geboren worden zu sein.

Gestützt wird Gäfgens Aussage durch einen internen Vermerk des Polizeivizepräsidenten höchstselbst, in dem dieser niedergelegt hatte, er habe "die Anwendung unmittelbaren Zwanges angeordnet" und Gäfgen sei im Beisein eines Arztes und unter Zufügung von Schmerzen erneut zu befragen. In einem autorisierten Interview mit der Frankfurter Rundschau hat Daschner diese Schmerzen am 22. Februar 2003 eingehend geschildert: "Überdehnen eines Handgelenkes" zum Beispiel, außerdem "gibt es am Ohr bestimmte Stellen – jeder Kampfsportler weiß das – wo man draufdrückt und es tut weh, es tut sehr weh, ohne dass irgendeine Verletzung entsteht". Ein spezieller Beamter sei schon zu Gäfgen unterwegs gewesen, "musste aber nicht zur Tat schreiten", weil Gäfgen schon nach der Gewaltandrohung zusammenbrach. Auf die Frage, ob er seine Drohung wahrgemacht hätte, antwortete Daschner: "Ja." Und die Frage, was er getan hätte, hätte der Beschuldigte weiter geschwiegen, beantwortete er so: "Irgendwann hätte er nicht mehr geschwiegen. Innerhalb sehr kurzer Zeit."

So sprach Daschner damals, als er sich noch nicht vorstellen konnte, wegen dieser Anordnung vor Gericht gestellt zu werden. Heute, auf der Anklagebank, liest er eine lange Rechtfertigung ab und "möchte klarstellen, dass ich zu keinem Zeitpunkt die Androhung oder Anwendung von ›Folter‹ veranlasst habe". Den mitangeklagten Ortwin E. habe er "als Boten" zu Gäfgen geschickt, der "eindringlich an sein Gewissen appellieren und auf die akute Lebensgefahr" des entführten Jungen hinweisen sollte. Für den Fall der weiteren Weigerung sollte Ortwin E. dem beschuldigten Gäfgen ankündigen, dass er mit "unmittelbarem Zwang" rechnen müsse, was darunter zu verstehen ist, bleibt in Daschners Verteidigungsrede offen. Er, Daschner, habe es für möglich gehalten, dass das Kind noch lebte, und beruft sich auf die Abwehr einer drohenden Gefahr: Er habe nur die Alternative gesehen, entweder mit Androhung von Zwang auf Gäfgen einzuwirken oder den Tod des Kindes in Kauf zu nehmen.

Damals eingesetzte Polizeibeamte haben die Sache anders in Erinnerung. In ihren Zeugenaussagen schildern sie, dass noch "ein ganzes Spektrum an Maßnahmen zur Verfügung gestanden hätte" und schon deshalb keiner von ihnen bereit war, Daschners Anordnung zu befolgen. Daschner sei darüber sehr erregt gewesen und laut geworden. Auch habe Daschner bereits am Vorabend des 1. Oktober gesagt: "Unmittelbarer Zwang ist freigegeben", erzählt der Beamte Dirk E. So eine Maßnahme sei für ihn jedoch ausgeschieden: "Es kommt immer wieder vor, dass die Polizei dringend Informationen braucht, bei Lebensmittelerpressungen zum Beispiel", sagt E. – aber so was sei noch nie erörtert worden.

Und sein Kollege Stefan M., für den der Fall schon die vierte Entführungsermittlung war, bemerkt, "die polizeiliche Sozialisation ist darauf ausgerichtet, dass man jemandem, der sich in Polizeigewahrsam befindet, keine Schmerzen zufügt". Auch seien nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft gewesen, so sei eine Gegenüberstellung Gäfgens mit der Schwester des entführten Jakob geplant gewesen, die nicht stattfand. Daschner aber habe am Morgen des 1. Oktober auf seiner Anordnung bestanden mit den Worten: "Die Republik wird nicht verstehen, wenn wir zuwarten." Dem Zeugen ist das Unbehagen über Daschners Verhalten immer noch deutlich anzuhören. In den Lagebesprechungen habe sich keiner gefunden, der Daschner zugestimmt hätte, sagt er.

Er, Stefan M., habe sich schließlich an den Leiter der Abteilung Operative Maßnahme gewandt und gesagt: "Nennen Sie mir einen Beamten, der den Magnus Gäfgen foltert." Dann habe er einen Arzt gesucht, der bereit war, die Maßnahme zu begleiten. Gegen acht Uhr habe er zu Daschner gesagt: "Ein Arzt steht bereit, aber es gibt keinen Beamten, der das macht." Der Einzige, der in Frage gekommen sei, habe sich im Urlaub befunden. Daschner habe deshalb angeordnet, den Mann aus dem Urlaub zu holen. "Wie denn", will der Staatsanwalt wissen. M. antwortet: "Mit einem Hubschrauber." Um 9.07 Uhr sei der mitangeklagte Ortwin E. dann in der Befehlsstelle aufgetaucht und habe mitgeteilt, das Kind sei tot und liege unter einem Steg. Daschner und E. hatten die Sache im Alleingang an den Einsatzleitern vorbei durchgezogen. M. sagt: "Es stand Daschner zu, an uns vorbei zu handeln."

Auch Ortwin E. hat eine Aussage vorbereitet, die er abliest. Er habe Gäfgen nie gesagt, dass er mit "Farbigen" zusammen eingesperrt werden könnte. Gäfgen habe sich die Bedrohung aus prozesstaktischen Gründen ausgedacht. Er wolle Gäfgen bloß befragt haben, ob er Angst habe, "dass ihm im Gefängnis etwas passieren könnte", liest E. weiter vor. Und Rotoren habe er auch nicht nachgemacht, sondern mit einer "rotierenden Bewegung" neben der Schläfe dem Gäfgen bloß klar gemacht, dass das Kind ihm für immer im Kopf herumgehen werde. Ausgerichtet habe er dem Beschuldigten allerdings, dass die Behördenleitung darüber nachdenke, ihm Schmerzen zuzufügen oder ein Wahrheitsserum zu verabreichen, sollte er weiter schweigen oder lügen. Im Übrigen will er Gäfgen sehr eindringlich deutlich gemacht haben, in welch verzweifelter Situation das Kind sei. "Ich sagte: Denk an seine panischen Augen, denk an sein Flehen um Hilfe." Daraufhin habe Gäfgen den Ort der Leiche genannt. Diese Aussage lässt Fragen offen: Wie kam Gäfgen auf den Hubschrauber? Und warum sollen ihn nach dem Mord die Fantasien eines Beamten über die Verzweiflung eines Kindes beeindruckt haben, von dem Gäfgen wusste, dass es längst tot war?