hartz iv Kehren für die Statistik
600.000 Arbeitslose sollen sich in Ein-Euro-Jobs verdingen – die wenigsten werden einen echten Arbeitsplatz finden
Ein-Euro-Jobber bei der Arbeit: Einer streicht eine Wand, immer dieselbe, mal grün, mal weiß, mal blau. Ein anderer zieht eine Mauer hoch, nur um sie später einzureißen und wieder von vorn anzufangen. Und eine ganze Gruppe Arbeitsloser schneidet aus Teppichresten stundenlang Fische oder Teddybären aus. Alltag in der Beschäftigungsgesellschaft Hamburger Arbeit – und Anlass für einen Sturm der Entrüstung in der Hansestadt. »Arbeit darf nicht dämlich machen«, schimpft die örtliche CDU-Arbeitsmarktexpertin. So etwas würde »demoralisieren«, kritisiert der lokale DGB-Chef. Und in großen Lettern empört sich die Zeitung über den »1-Euro-Job-Irrsinn«.
So irrsinnig, wie es scheint, liegen die Fälle nicht. Denn die Aufgaben sind, so beteuert es jedenfalls die Hamburger Arbeit, nur Teil eines Trainings- und Testprogramms, mit dem die Arbeitslosen auf den Markt vorbereitet werden. Tatsächlich bauen auch Maurerlehrlinge der Privatwirtschaft während ihrer Ausbildung in speziellen Hallen ganze Häuser auf – nur um sie später wieder abzutragen.
Die Empörung in Hamburg gibt einen Vorgeschmack darauf, was zu erwarten ist, wenn im nächsten Jahr die Ein-Euro-Lawine so richtig rollt. Heute sind solche Arbeiten noch freiwillig, und bisher werkeln in den meisten Städten jeweils erst einige hundert Arbeitslose auf solchen Stellen. Vom 1. Januar an wird das anders aussehen: Dann sind diese Stellen, die im Amtsdeutsch »Arbeitsgelegenheiten« und in der Regierungssprache »Zusatzjobs« heißen, einfach Pflicht. Und dann sollen sie massenhaft eingesetzt werden: 600000 solcher Stellen plant Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement.
Nur ist selbst unter den Experten in den Arbeitsagenturen – ehemals Arbeitsämtern – umstritten, wie und wo das neue Instrument einzusetzen ist. Dennoch haben die Agenturen in den vergangenen Wochen bundesweit schon mehr als 46000 Ein-Euro-Stellen aus dem Boden gestampft. Die Bundesregierung hat es eilig. Im kommenden Frühjahr droht die Zahl der Arbeitslosen erstmals auf über fünf Millionen zu steigen – da käme es gelegen, wenn die Ein-Euro-Maschinerie möglichst frühzeitig auf Touren kommt. Denn die Staatsjobs haben einen unschätzbaren politischen Vorteil: Wer darin länger als 15 Stunden pro Woche beschäftigt ist, bekommt zwar noch Arbeitslosengeld II, zählt aber nicht mehr als arbeitslos. Logisch ist das nicht, aber auch so lässt sich die Arbeitsmarktstatistik aufhellen.
Es gibt gute Gründe zu bezweifeln, ob die Ein-Euro-Jobs auch reale Beschäftigungsprobleme lösen. Staatlich verordnete Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die berühmten ABMs, erwiesen sich in der Vergangenheit als wirkungslos oder sogar kontraproduktiv. Jetzt kommt eine neue Variante auf den Arbeitsmarkt – mit Verbesserungen, aber auch mit neuen Haken und Ösen.
Während die Fachleute noch rätseln, setzen Arbeitslose das fragwürdige Projekt um.
In Stuttgart geht Jürgen Turowski für 1,50 Euro die Stunde dem Hausmeister am Albertus-Magnus-Gymnasium zur Hand, fährt mit einer Kehrmaschine über den Schulhof und beaufsichtigt Kinder bei den Hausaufgaben. Bessere Berufschancen verspricht er sich davon nicht, sagt der 48-Jährige, der im Außendienst 26 Jahre lang Kopierer, Drucker und Computer repariert hat. Für ihn sei das ein »soziales Engagement«. In Schwerin hilft Irmtraud Büsch, 46 Jahre, Rentnern beim Einkaufen oder bei Behördengängen und organisiert Spielenachmittage im Altenheim. Fast zehn Jahre ist die gelernte Verkäuferin mit kurzen Unterbrechungen schon arbeitslos, nun ist sie froh, »etwas Sinnvolles« tun zu können. »Als Arbeitslose bin ich ja praktisch Zeitmillionärin«, sagt sie, »jetzt kann ich davon etwas weitergeben.«
Nützlich für die Gesellschaft kann die Arbeit der Ein-Euro-Jobber durchaus sein. Welchen Zweck sie darüber hinaus hat, ist umstritten. »Absolutes Ziel ist es, die Betroffenen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren«, meint Jürgen Schwab, Leiter der Arbeitsagentur Stuttgart. »Ganz unterschiedliche Ziele« verfolgt dagegen Edelgard Woythe, Chefin der Arbeitsagentur in Schwerin. Ein-Euro-Jobs könnten schlicht dazu dienen, jemandem eine sinnvolle Beschäftigung zu geben oder die Bereitschaft zur Arbeit zu prüfen. »Wir planen deshalb zielgruppenspezifische Angebote – etwas für Ältere als Übergang zur Rente, etwas für Jugendliche, bei denen wir an der Motivation zweifeln, oder eine Arbeit für Jüngere mit hohem Qualifizierungsanteil.«
- Datum 25.11.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.11.2004 Nr.49
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